Nikolaus Harnoncourt dirigiert das Chamber Orchestra of Europe.
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Probe bei der Grazer Styriarte: Nikolaus Harnoncourt (1929-2016) mit dem Chamber Orchestra of Europe. 1988 widmeten sie sich erstmals Schuberts acht Symphonien – auf bis heute unerreichte Weise.

Postum veröffentlichte CD-Box

Schuberts Symphonien mit Nikolaus Harnoncourt: Mondlandung in Graz

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Beinahe hätte man die Großtat vergessen: Nikolaus Harnoncourts erste Auseinandersetzung mit Schuberts Symphonien liegt nun als CD-Box vor. Die Intensität hat er selbst später nicht mehr erreicht.

  • Nikolaus Harnoncourt führte 1988 mit dem Chamber Orchestra of Europe bei der Grazer Styriarte die acht Schubert-Symphonien auf.
  • Erstmals widmete er sich als Dirigent diesen Werken, auch für viele der beteiligten Musikerinnen und Musiker waren sie neu - ein Idealfall.
  • Die Aufnahme überragt Harnoncourts eigene Einspielungen mit dem Concertgebouw Orchestra und den Berliner Philharmonikern.

Himmelhohes Jauchzen und zugleich todbetrübter Frust. Schon damals, 1988 und zu Karrierebeginn, hatten die jungen Musikerinnen und Musiker ihren Zenit bei Schubert erreicht. So etwas passierte ja immer, wenn Nikolaus Harnoncourt am Pult des Chamber Orchestra of Europe stand. Besser wurd’s eben nicht. Eine Bratscherin, die ins BR-Symphonieorchester wechselte, erzählte viele Jahre später: Egal, welcher Promi auch immer am Pult befehligt – bei Schubert oder Beethoven sei sie rettungslos und auf ewig durch Harnoncourts Lösungen verdorben.

1991 entstand ein epochaler Beethoven-Zyklus bei der Grazer Styriarte. Was bis vor Kurzem vergessen war: Drei Jahre zuvor hatte sich Harnoncourt bei seinem Festival mit dem Chamber Orchestra of Europe Schuberts Symphonien vorgenommen. Für den Ahnvater der Aufführungspraxis war es sogar ein Debüt: Erstmals widmete er sich als Dirigent diesem Komponisten. Und auch für viele Ensemblemitglieder bedeutete manche Symphonie Neuland. Ein Idealfall.

Unbelastet von falsch verstandenen Traditionen und eingefahrenen Routinen, dafür beseelt von übergroßer Neugier eroberte man sich die acht Werke. Diesen Schubert-Zyklus, der im ORF-Archiv schlummerte, sollte Harnoncourt bei späteren Aufnahmen mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra und den Berliner Philharmonikern nie wieder übertreffen. Er kam einer Mondlandung gleich.

Selbstvergessen setzt das Chamber Orchestra of Europe Harnoncourts Vorstellungen um

Was ins Ohr springt: die fast selbstvergessene Bereitschaft des Chamber Orchestra of Europe, Harnoncourts Vorstellungen umzusetzen. Bei allem Respekt vor dem Concentus Musicus, dem eigentlichen Ensemble des Stars: Technisch spielten die Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa in einer Extraliga. Wenn bei anderen Orchestern der Motor erst anspringen musste bei Harnoncourts Hervorhebungen, war das Chamber Orchestra of Europe sofort „da“. Unmittelbar, offensiv, pur, mit einer Flexibilität nahe der Perfektion. Auch deshalb wählte Harnoncourt 1988 Tempi, die er später bei Schubert nicht mehr riskierte. Das Finale der Vierten, der „Tragischen“, ist reines sturmdrängerisches Züngeln. Erst recht in jenem Abschnitt dieses Satzes, den kein anderer so wie Harnoncourt realisieren konnte, im wie wortlos sprechenden Bläser-Dialog über dem begleitenden Brodeln der Streicher.

Diese typische Überblendung verschiedener Gesten, Stimmungen und Ebenen, die Verzahnung von Melos mit Begleitfiguren, die Schubert im letzten Satz seiner großen C-Dur-Symphonie katastrophisch zuspitzte, ist überhaupt Harnoncourts Spezialgebiet. Mit dem Chamber Orchestra of Europe klingt alles noch klarer, trennschärfer, zugespitzter. Vor allem in den frühen Symphonien, die bei Harnoncourt keine sind. So, wie sie 1988 in Graz vorgeführt wurden, als manchmal gefährliche, zähnebleckende Klangorganismen, wird klar: Als nette Einspielwerke taugen die Symphonien eins bis sechs kaum.

„Er erklärte uns den Zusammenhang zwischen Schubert und der Volksmusik als auch der Literatur“, erinnert sich Kontrabassist Dane Roberts. Bei Harnoncourt, der sich immer auch als veredelter Tanzbodenmusiker begriff, waren sie hier an den Richtigen geraten. Zu hören ist dies besonders in den Trio-Teilen vieler Sätze. Kein anderer konnte Schuberts melancholisch umflorte Lust am Volksliedhaften so zum Klingen bringen: Dank des heißen Probensommers 1988 waren aus den Mitgliedern des Chamber Orchestra of Europe lauter Österreicher geworden.

Die „Unvollendete“ als Werk vor dem schwarzen Loch

Die bekannteste Symphonie, die „Unvollendete“, begriff Harnoncourt nicht titelgemäß. Für ihn war dieses h-Moll-Opus vollendet als Vorstufe romantischer Tondichtungen. Auch deshalb missbrauchte er sie nie als Aufwärmung für einen größeren Koloss nach der Konzertpause. Schon mit dem Chamber Orchestra of Europe erfährt man, warum. Keine Lücken klaffen hier, die von anderen Dirigenten sentimental gekittet oder gar ignoriert werden, sondern Abgründe ohne Boden. Eine existenzielle halbe Stunde, ein Endzeit- und Finalstück wie Bruckners neunte oder Mahlers neunte Symphonie, ein Werk vor dem schwarzen Loch.

Mag Harnoncourt sich später bei Schubert mehr Zeit gelassen haben für die Detailformung, mag er dem Schwermütigen und der Lebensweisheit mehr Raum gegeben haben: Spannkraft und Nachdruck dieser frühen Auseinandersetzung wurden nicht mehr übertroffen. Oder wie es die britische Cellistin Sally Pendlebury zu diesen Symphonien formulierte: „Es wäre untertrieben zu sagen, dass sie mein Leben völlig veränderten.“

Franz Schubert:
The Symphonies. Chamber Orchestra of Europe, Nikolaus Harnoncourt (ICA).

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