Mit Schuld beladen

- Es ist viel zu grausam, als dass man es sich vorstellen wollte: Ein kleiner, ganz normaler Junge lädt eine übergroße Schuld auf sich. Stephen wächst während des Zweiten Weltkrieges in einem Londoner Vorort auf. Er hat ein Versteck in den Büschen, besteht nächtliche Mutproben und ist Keith, dem Freund aus feinerer Familie, treu ergeben. Alles, was mit dem gepflegten Hause Hayward zu tun hat, erscheint Stephen richtiger, besser. Und deshalb lässt er sich wie immer von seinem Freund zu einem neuen Spiel anstiften. Es beginnt mit Keiths Feststellung: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin."

<P>"Das Spionagespiel" des Übersetzers, Dramatikers und Romanciers Michael Frayn ist eine verhängnisvolle Geschichte. Das Unheimlichste an ihr ist die Perspektive: Wir dürfen nicht verstehen. Als Leser begreifen wir die Welt Stephens genauso wenig wie er selbst, empfinden seine Zweifel, Ängste und die Gesetze seiner kindlichen Logik ebenso stark wie er. Und das, obwohl der Erzähler behutsam einführt in seine Vergangenheit. Als alter Mann, der inzwischen in Deutschland lebt, fährt Stephen zurück an den Ort seiner Kindheit und beschwört herauf, was er für seine Erinnerung hält. Versucht, sie zu bereinigen von dem, was er inzwischen weiß. Und verrät es selbst dann nicht, wenn er in die Erzählung über den kleinen Jungen die Eindrücke des wissenden, alten Ich-Erzählers Stephen einflicht.<BR><BR>Ein Trick, mit dem Autor Michael Frayn seinen Leser den unheimlichen Vorgängen hilflos ausliefert. Helfen würde nur Vorblättern, denn erst am Ende des Buches wird die Herkunft des Jungen erklärt, wird deutlich, warum gerade das "Deutsche" an der vermeintlichen Spionin ihn so sehr bewegt. Doch wer vorblättert, bringt sich um den Genuss der besonderen Qualität dieses Buches: den hart erkauften, geistigen und ethischen Reifeprozess dieses Jungen nachzuvollziehen, der mutig und stark sein will, aber mit allem, was er tut oder woran er scheitert, neue Schuld auf sich lädt.<BR><BR>"Wenn man ein Junge ist und ein Mann werden möchte, muss man sich zehnmal am Tag zusammenreißen, sich anstrengen, einen Mut zu zeigen, den man in Wahrheit nicht besitzt. Zehnmal am Tag hat man furchtbare Angst, dass man wieder seine Schwäche zeigen wird, seine Feigheit, seine allgemeine Charakterschwäche und seine mangelnde Eignung zum Mann." Und immer wieder hindert diese Angst den kleinen Stephen daran, einmal das Vernünftigste zu tun.<BR><BR>Harmlos beginnen die Freunde ihr albernes Spiel: Keiths Mutter, die "Spionin", zu beschatten, beim Einkaufen etwa. Das könnte schnell langweilig werden, aber Mrs. Hayward und ihre Schwester, Tante Dee, haben tatsächlich etwas zu verbergen. Sie füttern in einem Versteck einen Mann durch, haben, nacheinander, ein Verhältnis mit ihm. Wer er ist, das darf hier einfach nicht verraten werden. Die Nachstellungen der Jungen verkomplizieren alles, lassen die Sache, ohne dass sie diese wirklich erfassen, fast auffliegen. Aber sie endet noch viel tragischer.<BR><BR>Frayn stellt kunstvoll dar, wie sich der Junge aus Halbwissen eine illusorische Wirklichkeit zurechtlegt, wie er, aus falsch verstandenem Ehrgefühl und Plichtbewusstsein, immer dann versagt, wenn er helfen könnte, immer schweigt, wenn er den Mund aufmachen müsste. Einem stummen, ziellos umherschwimmenden Fisch ähnelt er, der nur die Welt seines Aquariums kennt und die elektrische Lampe für die Sonne hält. Wie aus reiner Unkenntnis und Falschinterpretation der Tatsachen das Gruseln entsteht, lehrt meisterhaft dieses Buch.</P><P>Michael Frayn: "Das Spionagespiel". <BR>Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. <BR>Hanser Verlag, München; 223 Seiten, 19,90 Euro. <BR>Der Autor liest heute um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus.<BR></P>

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