Schuld ohne Sühne

München - Das Dasein in einem unerklärten Bürgerkrieg: "Gomorrha ­- Reise in das Reich der Camorra".

"Tutto aposto!" - "Alles klar!" Unbedingt. Alles klar und alles wie immer in Sizilien. Die Mafia nimmt ein Sonnenbad im Bräunungsstudio, die Mütter haben Angst um ihre Söhne, schwere Laster bringen Giftmüll, der in den Bergen verscharrt wird, und auf der Rückfahrt Chinesen, die den Leuten das Leben noch schwerer machen. Und ab und zu liegt jemand erschossen in einer Ecke der heruntergekommenen Sozialbauten am Rand der Großstadt Palermo. Neuerdings trägt sogar Don Ciro, seit Jahrzehnten der Mafia- "Buchhalter" im Viertel, eine kugelsichere Weste.

Matteo Garrones Film "Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra", der im diesjährigen Wettbewerb von Cannes seine Premiere erlebte und dort den zweitwichtigsten Preis gewann, ist ein facettenreiches Porträt der mafiösen Strukturen des sizilianischen Alltags und der italienischen Gesellschaft. Die Darstellung eines durch und durch korrupten Lebens, Schuld ohne Sühne. Und dabei immer ein intelligenter Film, der neben dem Erwartbaren - die Kleinen müssen büßen, die Großen lässt man laufen - doch manches Neue bietet.

Ohne klare Hauptfiguren entfaltet der Film ein soziales System und stellt dieses selbst ins Zentrum. Ähnlich wie in Altmans "Short Cuts" kristallisieren sich aus diesem Netzwerk von Figuren dann doch gewisse Erzählstränge und Geschichten heraus: Etwa Signore Pascuale, ein Schneider, der schon zum wiederholten Mal gezwungen wird, den Druck - zu wenig Geld, zu viele Überstunden - an seine Arbeiter weiterzugeben, und sich schließlich schweren Herzens entschließt, zu den Chinesen "überzulaufen", also heimlich für sie zu arbeiten. Pascuale sägt damit letztlich zwar an seinem eigenen Ast, aber kurzfristig hilft ihm der Deal. Und weiter als über den nächsten Tag hinaus kann man an diesem Ort, in seiner Lage sowieso nicht denken.

Eine andere Geschichte: der Vater, der den braven Geschäftsmann mimt, aber heimlich dreckigen Abfall verscharrt und dabei gnadenlos seine Mitarbeiter über die Klinge springen lässt. Als sein Sohn das alles dem Vater dann irgendwann doch vorhält, zeigt dieser auf ein prächtiges Obstfeld: "Was siehst du hier? Schulden! Du kannst ja Pizza backen." Oder: Die Story von zwei dummen 16-Jährigen, die auf der Vespa kleine Raubzüge an Schwächeren begehen und wetteifern, wer Al Pacinos Tony Montana in "Scarface" am ähnlichsten sieht. Aber sie kennen ihre Grenzen nicht und sind von Anfang an als Verlierer erkennbar.

"Gomorrha" schildert eine Situation des Daseins, das von einem unerklärten Bürgerkrieg geprägt ist. Jeder ist dem anderen ein Wolf in dieser Welt des Kriegs aller gegen alle. Garrone verklärt kaum etwas. Nur um einen Mythos kommt er nicht herum: um den der Allmacht der Mafia, durch den sie Einschüchterung und Angst verbreitet. Dürfte sie in diesem Film nicht wieder einmal Sieger bleiben, hätte sie der Regisseur verniedlicht. Am Ende von "Gomorrha" erwischt es vorhersehbar auch noch die beiden Loser auf ihrer Vespa. Als sie am Boden liegen, resümiert der mafiose Alte, der ihre Ermordung kommandierte, wohlgefällig: "Es musste gemacht werden. Tutto aposto!" Dann kommt der Bagger. (München: Leopold, Mathäser, Theatiner, City, Cinema OV)

"Gomorrha"

mit Salvatore Abruzzese, Simone Sacchettino, Salvatore Ruocco

Regie: Matteo Garrone

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