Zwischen Angst und Einsamkeit: Markus Campana als Skater, hier mit Josephine Ehlert, Wolfgang Cerny und Johannes Klama (v.li.). Foto: digipott

Schuld und Schicksal

München - Beat Fäh inszenierte für das Theater der Jugend „Paranoid Park“ nach dem Roman von Blake Nelson.

Jugend - die Zeit eines prekären Schwebezustandes zwischen oft neugieriger Waghalsigkeit und dünnhäutiger Unsicherheit. Wie leicht droht da der psychische Absturz. Der Jugendthriller „Paranoid Park“ (2006) von US-Autor Blake Nelson fängt dieses euphorisch-verletzliche Lebensgefühl ein - wahrhaftig und psychologisch hochpräzise. So einen Stoff konnte sich das Münchner Theater der Jugend (TdJ) nicht entgehen lassen. Beat Fäh, mit Roman-Adaptionen bereits erfolgreich, hat jetzt das Buch (Übersetzung: Heike Brandt) in seiner Bearbeitung in der Schauburg beeindruckend uraufgeführt.

„Paranoid Park“ ist der berüchtigte Fluchtpunkt für Straßenkids und besessene Skater, die hier abhängen und ihre irrwitzig halsbrecherischen Runden drehen. Sehnsuchtsort auch für den 16-jährigen Ich-Erzähler Skater (Markus Campana). Um schnell im Supermarkt Bier-Nachschub zu besorgen, lässt Skater sich von einem neuen Park-Kumpel (Johannes Klama) überreden, den Trip auf einem Güterzug zu machen. Plötzlich bedroht von einem Wachmann, versetzt Skater diesem einen Schlag mit dem Skateboard. Der Mann stürzt auf die Gleise - und wird durch den Zug in der Mitte durchtrennt.

Genau bis dahin merkt man den Dramatisierungs-Widerstand des durchgehend auf sechs Darsteller verteilten Prosatextes: Fähs lange Exposition, meist zum Publikum hin und auch (noch) nicht immer verständlich gesprochen, nagt an unserer Aufmerksamkeit. Da ist ja, unter anderem, die Trennungssituation von Skaters Eltern (Peter Wolter als Vater), der Freund Jared (Wolfgang Cerny) und dessen Erotik-Ausflug mit College-Girls. Zwar stellt sich durchgehend eine treffend düstere Atmosphäre ein durch Ausstatter Michael Kraus’ Street-Park aus Luftschacht- und Absperrgittern. Stimmig ist auch Christian Taison Heiss’ in den Raum hineinsägend-kreischende Geräusch-Transponierung der fast-paranoiden Zustände des Protagonisten. Aber erst mit dem hereinbrechenden Schicksal beginnt die Geschichte in Bann zu ziehen.

Notwehr? Unfall? Oder Totschlag? Je länger, umso überzeugender spielt Markus Campana diesen Skater: in seinen Ängsten, Schuldgefühlen, in seinem einsamen Kampf um Bewältigung der Krise, um Lebenshärte. Und darum, nicht um den Kriminalfall, geht es in diesem Stück. Skater ist ein junger Mensch in den Turbulenzen des Heranwachsens, der ersten sexuellen Erfahrungen.Wunderbar komisch: das erste Mal mit Freundin Jennifer. Josephine Ehlert stöckelt, flirtet und balzt kess-hinreißend ein zeitgemäßes, echt amerikanisches „Frühlings Erwachen“ in den Raum und auf die Gitter-Matratze. Skater ist aber auch der Prototyp des in einer extremen seelischen Notlage allein gelassenen Jugendlichen. Die einst von Skater verschmähte Macy - Lucca Züchner wie immer intensiv - gibt ihm den Selbsthilfe-Rat, sich in Briefen alles von der Seele zu schreiben. Eine Botschaft auch an alle TdJ-Besucher ab zwölf Jahren.

Nächste Vorstellungen: 19.7., 19.30 Uhr, 20.7., 10.30 Uhr, 21.7., 10.30 Uhr; Karten 089/ 233 371 55.

Von Malve Gradinger

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