Im Schuldenwald verlaufen

- Waldeinsamkeit, zwei junge Paare. Ein grünes Nadelbaumidyll mit hämmerndem Specht und Amselträllern. Und alles könnte sehr schön sein. Ist es aber nicht: Der Wald ist nur ein Fotoprospekt im Vierfarbendruck, die Tierlaute stammen aus zwei hölzernen Lautsprechern auf dem Plastikrasen der halbrunden Bühne. In anekdotischen Klagen berichten die beiden Paare von ihrer Mittelstandsverarmung, um sich anschließend - vor den Augen von zwei psychotisch sterilen Aufsehern - entweder zu erschießen oder tödliche Pillen zu schlucken. Immer wieder, von neuem.

Im Werkraum der Münchner Kammerspiele inszenierte Felicitas Brucker die deutsche Erstaufführung eines modernen Märchens, das schon lange schlecht geendet hat und sich doch immer weiter erzählt: das Märchen vom Wohlstandsopfer. Die Salzburger Dramatikerin Kathrin Röggla hat es in den Kleinbuchstaben ihrer "sozialen sprache" gedichtet, als Auftragsarbeit für die Wiener Festwochen. Mehr noch als etwa ihr Drama "wir schlafen nicht" (2004), das in der Welt von McKinsey, Consulting und Burn-out-Syndromen spielt, ist "draußen tobt die dunkelziffer" breite Textfläche - dokumentarisch und gegenwartsbezogen. Wieder hat die engagierte Autorin ihr Material in Interviews und Recherchen aufwändig zusammengetragen; es interessierten sie der "Geldextremismus" und "die Negativlogik der Schuldenfalle". Jedoch nicht, um die eine Wahrheit hochzuhalten oder anhand eines Exempels Moralpädagogik zu versprühen. Durch Stilisierung und Ironie erschafft sie eine in ihrer Geballtheit absurd komische Kommentarmasse - ein Groß-Abbaugebiet eines Tabuthemas, desolate Realität zum schmunzelnden Kopfschütteln. Außer ein paar Sätzen zu Beginn gibt Röggla keinerlei Regieanweisungen, die 72 Textpassagen sind beinahe beliebig zu ordnen und zuzuordnen. "das stück funktioniert wie ein außer rand und band geratener wunderwürfel", schreibt sie - der Rest ist der Regisseurin überlassen. Die verleiht dem Text dann doch ein rotes Band, wenn auch nur ein vages: die beiden Liebespaare. In ihrer zweiten Regiearbeit an den Kammerspielen teilt Felicitas Brucker die zahlreichen Rollen, unter ihnen "finanzirrwische, versandhaustanten (kaufrauschtanten), konkursvögel, messies, schuldendynastie", vier Schauspielern zu: Anna Böger, René´ Dumont, Caroline Ebner und Martin Butzke, die in einer Art Mittelschichten-Rap verzweifelt, verängstigt, verärgert, verschämt oder mit einem schönen kleinen letzten Rest an galgenhumoriger Zuversicht die ganz privaten Konjunktursorgen der "mittelstandleichen" ausspucken. "seien sie still, da schläft unser kreditkartenkind, das träumt jetzt bestimmt. es träumt vom gesunden kapitalismus." Sie werden gejagt von Schuld-Gefühlen, welche ihnen zwei "regulierer" einreden, die mit ihren Klebe-Kuckucken auch nicht vor Menschen zurückschrecken. Walter Hess und Daphne Wagner spielen diese grauen Plastikmantel-Beamten mit steinernen Gesichtern und staubtrockenem Witz. Die Inszenierung besitzt ihre Stärken dort, wo die junge Regisseurin so mutig war, Rögglas Textbausteine - im Sinne der Autorin, die sich "stärkere ästhetische Reflexion" und weniger "Regieklischees" wünscht - lediglich umzuordnen, erfinderisch zu illustrieren, doch nicht mit Plakativität zu überfüllen. Wo sie auf die erstaunliche Wortakrobatik des Textes und die frische Präsenz der Schauspieler vertraut. Und natürlich auf den Trumpf des ungemein anziehenden Bühnenbildes von Nadia Fistarol, welches pfiffig das Anti-Märchen Hänsel-und-Gretel-verlaufen-sich-im-Schuldenwald vorbereitet. Schön wie Caroline Ebner auf einmal einen Reißverschluss im Kunstrasen aufzieht und ein Stück goldenen Glitzerteppich zum Vorschein bringt, auf dem sie dann mit Anna Böger zum trotzigen Standbild des Elends einfriert. Im Hintergrund vergehen derweil Zeit und Raum: Ein Teil des Waldes verwandelt sich im Video, wird erst zur stillen Winter-, dann zur rastlosen Röntgenlandschaft: Hetzjagd der Schuldeneintreiber - und die einfallsreiche Ausreizung der Waldmetapher. Übrigens sind die "kriminellen" mitten unter uns; die Lichtung, auf der sie sich mit ihren Wartenummern befinden, ist kein Hoffnungsplateau, sondern ein Big-Brother-Panoptikum für Arme - und im Theaterraum umschließt das Schuldendickicht aus Nadelbäumen auch den Zuschauer.

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