Schutz vor den geflügelten Schweinen

- "Wenn man noch so jung ist, kann man gar nicht unglücklich sein." Das bekommt der Ich-Erzähler Paul in Benjamin Leberts zweitem Roman "Der Vogel ist ein Rabe" von der Frau zu hören, die er liebt. Auch der Autor wird oft auf sein Jungsein reduziert: Mit 16 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der in 33 Sprachen übersetzt und von Hans-Christian Schmid verfilmt wurde. "Crazy" war der Kinohit im Sommer 2000, Lebert der Newcomer des Jahres. Seitdem suchen alle das Autobiografische in seinen Büchern und übersehen dabei, dass diese auch ohne den Hype um den Autor auskommen, dass sie Literatur sind und keine Tagebücher.

<P>Lebert beschreibt eine Nacht im Zug von München nach Berlin. Im Schlafwagen liegen zwei Äpfel und zwei Bananen. Die Kiwi-Scheiben, die Pauls Mutter ihm jeden Abend ans Bett gestellt hat, fehlen. Die Geborgenheit ist ihm verloren gegangen in den letzten Tagen, er trägt ein schreckliches Geheimnis mit sich herum. Paul sagt wenig, hängt seinen Gedanken nach. Sein Mitreisender Henry beichtet ihm dagegen seine intimsten Erlebnisse und Gefühle. Paul hört den Monologen Henrys zu, mal neugierig, mal genervt. "Liegt es an dem monotonen Dam-Dam der Räder, dass diese merkwürdige Stimmung aufkommt? Eine anonyme Vertraulichkeit."</P><P>Lebert beschreibt die verzweifelten Anstrengungen der Menschen, ihrem Dasein einen Sinn abzugewinnen und glücklich zu sein. Nüchtern und prägnant umkreist er das Phänomen Menschsein. Der Gefahr, sentimental zu werden, weicht er gekonnt aus: "Ich glaube, wir bräuchten alle Schutz vor den geflügelten Schweinen, die an unserem Fenster vorüberschweben", vermutet Henry.<BR>Lebert scheut sich nicht vor Emotionen, er schaut unter die glitzernde Oberfläche der Popliteratur-Generation, sieht die Einsamkeit darunter und weiß, dass es "schwer ist, sich am Tag nicht in der Tiefe des blauen Himmels zu verlieren. Und in der Nacht nicht in seiner Schwärze." Leberts Geschichten handeln von Außenseitern in der Spaß-Gesellschaft, nehmen überraschende Wendungen.</P><P>Seine Figuren sind keine gelangweilten New-Economy-Yuppies, sondern die, die am Rand stehen: Magersüchtige, Fettleibige und Hosenscheißer. - "Ich bin eben kein Erzähler wie du", sagt Paul am Ende zu Henry. Lebert ist ein Erzähler, ein guter sogar.</P><P>Benjamin Lebert: "Der Vogel ist ein Rabe". Kiepenheuer und Witsch, Köln. 127 Seiten, 9,90 Euro.</P>

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