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„Ich möchte mit den Sängern nicht tauschen“: Susanne Thormann-Metzner an ihrem Arbeitsplatz.

Der Schutzengel im Kasten

München - Flüstern, Zischen, Dirigieren: Susanne Thormann-Metzner ist Souffleuse im Münchner Nationaltheater.

Ganz knapp sind Orchester und Sängerin an der Havarie vorbeigeschrammt. Mitten in ihrer Arie rutschte Verdis Lady Macbeth in einen späteren Teil, statt erst die Wiederholung zu singen. Noch dem Versiertesten kann so etwas bei hoher See, also bei Bühnenstress passieren. Vermutlich hätte sich die Sopranistin bis zum Schluss der Arie geschickt durchgehangelt. Damit es aber erst gar nicht zu einem Frau-über-Bord-Manöver kommt, gibt es ja musikalische Lotsen: die Souffleure, die Schutzengel der Sänger.

„Pass’ heute besonders auf mich auf! Gib’ mir unbedingt diesen Einsatz“, solche Bitten hört Susanne Thormann-Metzner oft. Die Souffleuse an der Bayerischen Staatsoper erfüllt sie mit allem, was in ihrer Macht steht. „Jeder wird individuell betreut, durchgängig und umfassend. Das ist die Dienstleistung“, sagt sie. Und zu der gehört auch, dass sie fürs Publikum unsichtbar ist.

In der Mitte der Rampe sitzt sie während der Vorstellung in einem Kasten unter dem Bühnenboden, nur Kopf und Hände ragen heraus, sind aber den Zuschauern durch eine Blende verborgen. In dieser Position ist es ohnehin nicht leicht, jeden Sänger ständig im Blick zu behalten. Bei Martin Ku(s)ejs „Macbeth“ ist es noch schwieriger, denn da steht der Souffleurskasten ausnahmsweise links im Orchestergraben, und Thormann-Metzner muss an diesem Abend ihren sprachlichen Rettungsring noch weiter werfen, um die Lady „zurückzuholen“.

Damit der Kontakt zu den Solisten von Anfang an gesichert ist, dreht Thormann-Metzner vor der Vorstellung ihre Runde, begrüßt die Sänger in ihrer Garderobe oder der Maske, wünscht ihnen Glück – und bekommt heute selbst ein Lob mit auf den Weg: Macbeth-Sänger Zeljko Lucic beschreibt mit Daumen hoch und Genießergesten die Qualität ihrer Arbeit.

Gut, dass die Souffleuse ihren Kasten vorher inspiziert: Er ist leer – es fehlen Stuhl, Pult und Licht, wofür in diesem Fall die Orchesterwarte sorgen müssen, denn um den gewöhnlichen Kasten kümmert sich eine andere Abteilung. Die Oper ist halt doch ein Supertanker mit klaren Zuständigkeiten und „Befehlsstrukturen“ und kein Ausflugsbötchen.

Noch wenige Minuten bis zum Beginn, die Inspizientin ruft das Orchester ein, viel Blech und Holz wird die Gänge entlanggetragen, und die Souffleuse positioniert sich mit Klavierauszug und Wasserflasche unterhalb der Rampe: Ab jetzt muss sie in jeder Sekunde hochkonzentriert sein. Das Saallicht geht aus, und mit dem Einsatz des ersten Sängers dringt ein merkwürdiges Gemurmel Richtung Bühne aus dem Kasten.

Anders als bei Schauspielsouffleuren ist es in der Oper mit Geistesgegenwart und Feingefühl nämlich nicht getan. Die Musik spielt, die Uhr läuft, da darf der Sänger keinen Hänger haben. Deshalb spricht, flüstert, zischt die Souffleuse alle Einsätze mit, und zwar eine Zählzeit im Voraus und je nach Passage so laut, dass die Sänger sie hören, aber so leise, dass es nicht bis zur Galerie schallt. Allein das ist bei bis zu 50 Stücken im Repertoire eine Kunst. Seltsam, ein wenig absurd klingen diese zeitlich versetzten, überdeutlich artikulierten Satzanfänge, während Susanne Thormann-Metzner für sich selbst, manchmal auch für heikle Einsätze der Sänger, in kleinen Bewegungen mitdirigiert.

Nicht alle Sänger sind übrigens damit vertraut, ihre Signale „abzunehmen“. „In England kennt man das nicht“, erzählt sie. „Vor Jahren war hier ein toller englischer Sänger zu Gast – zwei Seiten lang wussten weder der Dirigent noch ich, was er da sang, er war nicht einzufangen. Anschließend hat er sich bei mir entschuldigt.“ Das tun die meisten, wenn sie einen Fehler machen – vielleicht weil sie ahnen, welche Nervenbelastung das auch für die Souffleuse ist.

Erschöpft sitzt sie in der Pause in ihrem Zimmerchen und trinkt Wasser wie ein Langstreckenläufer. Lange Opern wie die „Meistersinger“ teilt sie sich manchmal mit ihren Kollegen. Momentan sind sie zu zweit am Haus – für die dritte Stelle findet sich gerade kein Nachwuchs. Eine Ausbildung für Souffleure gibt es nicht. „Im Studium hat man andere Ziele“, sagt Thormann-Metzner. Deshalb rutscht man so in den Beruf hinein. Wie sie selbst, als sie Gesang und Slawistik studierte, im Extrachor der Nürnberger Oper sang und immer häufiger als Souffleuse aushalf.

Als Slawistin übernimmt sie naturgemäß die russischen oder tschechischen Opern, macht Sprachtrainings und fertigt Umschriften oder Übertitel an. Und weil sie noch im Extrachor singt, kennt sie die Bühnenperspektive. Würde sie bei großen Partien am liebsten selbst auf die Bühne springen? „Ich möchte nicht tauschen, wenn ich sehe, wie nervös selbst die großen, berühmten Sänger sind. Ich hätte keinen Spaß mehr an der Musik. Für mich bleibt es auch so immer spannend.“

Von Christine Diller

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