Schwabings Muse

- "In München -. Ich kann immer noch nicht begreifen, daß es kein Traum ist. Es ist etwas so ganz Neues, allein zu leben und nur mit sich selbst zu reden, und jetzt fühle ich erst, wie mir das not tat." Franziska zu Reventlow (1871-1918) lässt diese Zeilen von ihrer Heldin Ellen Olestjerne in dem gleichnamigen Roman notieren.

Diese "Lebensgeschichte" einer höheren Tochter aus Norddeutschland, die sich von ihrer Mutter verachtet fühlt und aus den vorgegebenen Verhaltensmustern ausbricht, ist das Ergebnis von Reventlows eigenen Erlebnissen. 

"Wahnmoching ist eine geistige Bewegung."

Aus "Herrn Dames Aufzeichnungen"

Das adelige Mädchen aus Husum war so gar nicht lieb und sittsam, wie die Idealfrau im 19. Jahrhundert zu sein hatte. Franziska war intellektuell wie erotisch ausgesprochen munter - und obendrein von unbändigem Freiheitsdrang beseelt.

Sie und das großherzige, spinnöse München der vorhergehenden Jahrhundertwende passten einfach zusammen. Wenn wir heute an die Reventlow denken, dann als Muse und Verkörperung von Schwabing alias Wahnmoching. Einen sehr viel weiteren und spannenderen Blick auf diese bemerkenswerte Frau ermöglicht aber die Gesamtausgabe ihrer poetischen Werke, Tagebücher und Briefe, die informativ kommentiert und mit weiterführenden Nachworten versehen sind.

Der Leser lernt eben nicht nur den charmanten Flattergeist einer angeblich dekadenten Epoche kennen, sondern eine auch oft zutiefst leidende Frau. Da war die äußere Not, weil sie sich nur mühsam mit Nähen, Schreiben und Übersetzungen durchschlagen konnte; Schulden und Hunger blieben nicht aus, da waren obendrein Depression bis zur Selbstverletzung und die Liebesqualen.

Am schönsten sind die Stellen, wo sie glücklich, ja selig über oder an ihren Sohn Rolf schreibt: "Süßes Kinderherz Ich bussi Dich viele tausend Mal. Sei recht brav und lieb, bis ich wiederkomme. Ich bin sehr traurig, aber wenn ich wieder zu Euch komm werde ich wieder vergnügt. Und dann zünden wir die Lichter wieder an vom Geburtstag - Adieu, Du Geliebtes Deine Mamai".

Höchst amüsant zu lesen, spritzig, gescheit und überhaupt nicht geschwätzig sind ihre literarischen Texte. Für Münchner naturgemäß unverzichtbar "Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil" (1913) - eine witzige Zeitreise ins Schwabing von einst. "Der Geldkomplex" (1916), für den Franziska zu Reventlow nicht einmal vor Freud halt machte, könnte fast für die Neuer-Markt-Fantasten geschrieben sein. Und Männer dürften durch die erotischen "Essays" über Liebhabertypen in "Von Paul zu Pedro" (1912) ziemlich desillusioniert werden. Eine Erfahrung, die die Gräfin schmerzlich teilte - hinsichtlich der Männer.

Franziska zu Reventlow: Gesamtausgabe. Igel Verlag, Oldenburg, 5 Bände; 88 Euro.

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