Und die Schwalben zwitschern mit

- Eine ungezwungenere und erwartungsfrohere Stimmung als bei den Internationalen Opernfestspielen auf Gut Immling lässt sich kaum denken. Der Wettergott spielte mit, der traumschöne Blick von Bayerns zweitem Grünen Hügel in die Wunderkulissen des abendsonnengetönten Chiemgau stimmte die 600 aus Stadt und Land angereisten Zuschauer von vornherein milde und machte sie aufnahmebereit für das Theater, das hier oben nunmehr seit zehn Jahren Sommer für Sommer gespielt wird. Heuer aus Anlass des Jubiläums Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte", jene Oper, mit der Ludwig Baumann erstmals 1997 diesen Festspielwahnsinn wagte.

"Hier im Landkreis geht man einfach in die Oper -

ob die Bäckereiverkäuferin oder der Anwalt."

Ludwig Baumann

Und gäbe es nicht so "Verrückte" wie ihn, besessen und professionell, dann hätte dieses Festival nie den Standard erreicht, für den es heute bekannt ist. Dabei hat dieser Zwitter zwischen Hochkultur und Heimatbühne doch nie seinen Charme verloren, dem einfach jeder erliegen muss, der sich nur einmal im Shuttle-Bus den schmalen Pfad von Bad Endorf hinauf auf Gut Immling schlängelt.

Ludwig Baumann weiß das natürlich. Mit Stolz sagte er in seiner Eröffnungsansprache: "Wir haben Tausenden Menschen die Scheu genommen, in die Oper zu gehen. Hier im Landkreis geht man einfach in die Oper - ob die Bäckereiverkäuferin oder der Anwalt." Dafür bürgt nicht zuletzt der großartige Immlinger Opernchor, der sich aus der Bevölkerung der umliegenden Gemeinden rekrutiert.

2006 also "Die Zauberflöte", in der dieser Chor einmal mehr sein hohes künstlerisches Niveau beweist. Sein Können, verbunden mit der Leidenschaft jedes einzelnen, schafft diese einzigartige Identität der Sänger mit der Sache. Eine Atmosphäre, die Baumann wohl meint, wenn er vom "Geist von Immling" spricht. Da ist es dann fast zweitrangig, ob Regie und Ausstattung mal mehr, mal weniger raffiniert ausfallen.

In der "Zauberflöte" jedenfalls können Regisseur Baumann und Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock mit einem fast ausnahmslos guten Sänger-Ensemble aufwarten. Garrie Davislim ist ein zarter, klarer, mit schönem Timbre und schauspielerischem Ernst ausgestatteter Tamino, der nie forciert, weder stimmlich noch darstellerisch. In dieser Aufführung kommt er, ganz und gar ein asiatischer Prinz, als fotografierender Tourist quer durch den Zuschauerraum, Immlings Reithalle, in jene wundersame Gegend, die von den drei Damen der Königin der Nacht, von Papageno sowie einer bedrohlichen Schlange bevölkert ist.

Er trifft auf einen urkomödiantischen Vogelfänger, den Gerard Kim mit seiner ganzen Spiellust, seinem schlitzohrigen Witz, seinem profunden Bariton und seiner bemerkenswerten Bühnensouveränität zum Liebling des Publikums werden lässt. Tamino und Papageno - ein Duo von schöner Gegensätzlichkeit.

Da passt zu ihnen Felicitas Fuchs, die gesanglich ihre Pamina mit Anmut, Grazie und anrührender Innerlichkeit versieht. Das muss reichen zur Zeichnung der Figur, denn darstellerisch hat die junge Sängerin nicht allzu viel Hilfe vom Regisseur erhalten. Was übrigens das Schicksal der meisten Mitwirkenden ist - der in den Koloraturen sicher auftrumpfenden Konstanze Preuss als Königin der Nacht, des stimmlich präsenten Stefan Kastner als Monostatos oder des eher unvariablen Kristof Klorek als Sarastro.

Denn Festivalleiter Baumann hat ja nicht nur inszeniert, er war auch - gewiss aus Kostengründen - für Bühne und Kostüme zuständig. So blieb wohl wenig Zeit, die vielen schönen Ideen zu ordnen, sie theaterlogisch zu entfalten. Oder sie einfach wieder wegzulassen. Ob ein rotes Sofa für Tamino oder drei große Pamina-Poster anstatt eines kleinen Amuletts, ob ein Yellow Submarine für die drei Knaben oder ein Fahrrad für Papageno - es bleiben immer nur Einfälle. Baumann will Klischees vermeiden. Er verzichtet auf Schlange und wilde Tiere und gerät dabei in das andere Klischee, das einer gelinden Modernisierung: wilder Stil- und Zeitmix in den Kostümen, Unentschiedenheit, was den Ort betrifft, Haremsdamen im Weisheitstempel oder indische Sariträgerinnen. Am Ende verlässt Sarastro die Gemeinschaft, geht ab durch die Mitte. Der Tyrann, so Baumanns Interpretation, dankt ab, besiegt von der Liebe. Der Konflikt aber, der da erkennbar vorausgehen müsste, bleibt im Verborgenen.

Klarheit kommt dafür umso mehr von den Münchner Symphonikern. Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock setzt unprätentiös und temperamentvoll auf die volkstümliche Theatralik der Musik. Zusammen mit dem Orchester gelingt es ihr, musikalisch jenen spielerischen Raum zu schaffen, den die Sänger benötigen. Und die in der Reithalle behausten Schwalben zwitschern munter mit. Oper auf Gut Immling - ein Gesamtkunstwerk.

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