Es ist wie bei Schwanensee

- Viel bekam sie in den zweieinhalb Stunden nicht zu tun. Ein paar Statuen-Posen, hier einen Arm zeitlupenhaft gehoben, dort die Finger bedeutungsschwanger gespreizt, all dies in erlesenem Licht- und Schattenspiel - Robert Wilson blieb seinem statischen Regie-Stil auch bei Glucks "Alceste" in Paris treu. Kein Problem für Anne Sofie von Otter, Sängerin der Titelpartie: "Es ist wie bei einem Ballett-Tänzer. Der eine tanzt ,Schwanensee todlangweilig, dann kommt jemand anders, der genau die gleichen Schritte macht, und plötzlich ist es lebendig und wunderbar. Es kommt auf die Persönlichkeit an."

<P>Und mit welch starker Persönlichkeit, mit welch großer Leidens-Intensität die Schwedin diese Partie ausstattete, das ist jetzt nachzuhören auf einer Gesamtaufnahme der Gluck-Oper unter John Eliot Gardiner. Eine Oper, die viele Theater scheuen - was indes ein Problem der Interpreten ist, die dem Reformstück stets nur den langweiligen Einheitsgestus der "hohen Tragödie" entlocken.</P><P>Aber genau dieses Repertoire abseits des Mainstreams ist die Domäne der schwedischen Mezzosopranistin: Oktavian, Dorabella, Sextus, kürzlich die Carmen - im Tagesgeschäft Anne Sofie von Otters nur Rand-Aufgaben. Alceste, jetzt noch die Dejanira in Händels Musikdrama "Hercules", das sind die Rollen, die diese Ausgrabungskünstlerin in Sachen Musik wirklich zu interessieren scheinen.</P><P>So unterschiedlich beide Partien sein mögen - die ihrem Mann völlig ergebene Alceste sowie die von Eifersucht zerfressene, Gatten-mordende Dejanira _, so glaubhaft werden sie von der Künstlerin zum Leben erweckt. Auch weil Anne Sofie von Otter nie mit der künstelnden Attitüde mancher Opernsängerin auftritt, ihren wandlungsfähigen Mezzo also nicht vergrößert, verdunkelt oder aufdickt, sondern einen natürlichen, oft nahe an der Sprechstimme orientierten Ton pflegt. In ihrer Interpretation sind Alceste (trotz Trauer-Pathos) und Dejanira (trotz effektvoller Raserei) tatsächlich glaubwürdige Menschen, keine klingenden Hüllen.</P><P>Bei Händels "Hercules" wird sie dabei von fabelhaften Solisten wie Richard Croft, David Daniels und Lynne Dawson unterstützt sowie Marc Minkowski am Pult der Musiciens du Louvre, dessen federnd-musikantischer Deutung man anhört, wie viel Spaß ihm diese Musik bereitet. Dramatischer, schneidender verfährt John Eliot Gardiner in der "Alceste", dem es vor allem die aufregenden, manchmal haarsträubenden Instrumentalfarben Glucks angetan haben. Paul Groves und Dietrich Henschel sind mehr als nur Solisten-Garnierung, halten (fast) das Niveau der von Otter.</P><P>Zwei CDs also, die das Prädikat Referenzaufnahme verdienen. Und Anne Sofie von Otter hat schon die nächsten, diesmal kammermusikalischen Pläne gefasst: "Gerade bei den Liedern entdecken wir ja immer etwas Neues. Das reicht, bis ich tot umfalle."</P><P>Händel: "Hercules", Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski (Deutsche Grammophon); Gluck: "Alceste", English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner (Philips).<BR><BR></P>

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