Das schwarze Ebenbild des Gottes Wotan

- Wenigstens davor bewahrt uns Jürgen Flimm: Obwohl Bayreuths "Ring"-Regisseur zur szenischen Doppelung der Musik neigt, wird minnigliche Brunst in den Orchestergraben verbannt.

<P>Wie am Schluss des ersten "Walküre"-Akts, über dem heuer der Vorhang rascher fiel und Siegmund/ Sieglinde den früheren Ringkampf ersparte, so blieb s im "Siegfried" bei der finalen, wiewohl heftigen Umarmung. Die Musik - viel sagend genug. Vor allem, wenn sie wie hier von Adam Fischer befehligt wurde.<BR><BR>Vom künstlerischen Schwächeanfall in der "Walküre" schien sich Fischer in der Festspiel-Wiederaufnahme des "Siegfried" erholt zu haben. Feinste Kammermusik-Geflechte zauberte er nicht nur im dritten Akt, emanzipierte Nebenstimmen, wagte Momente des Innehaltens, der nachdenklichen Pausen, um "Luft" und dramatisches Entwicklungspotenzial für Klangballungen zu gewinnen. Dies meist verbunden mit gemächlichen Tempi, die den Vorspielen zum ersten und zweiten Aufzug Thrillerstimmung bescherten, leider Vorspiel Nummer drei ins Buchstabieren trieben - und den Sängern oft überlange Phrasen aufbürdeten.<BR><BR>Ohne Zähneknirschen</P><P>Christian Franz, derzeit wohl führender Siegfried, war dies am Ende anzuhören. Aber vielleicht lag s auch an seiner anfänglichen Marotte: Im Überdruck verfiel er in burschikosen, Kraft raubenden Deklamationsgesang, betrachtete notierte Tonhöhen allenfalls als Empfehlungen. Das gab sich in den Schmiedeliedern, besonders im "Waldweben", wo Franz seine Stil-Bandbreite ausspielte: Dieser Heldentenor könnte glatt noch als Tamino auftreten.<BR><BR>Graham Clark, eine Spur weniger aufgekratzt als 2002, gestaltete den Mime vokal expressiv, eine Figur zwischen Springball, HB-Männchen und Kindergeburtstagsclown - die, das muss auch Flimm angelastet werden, die tragische, seinen Ziehsohn liebende Komponente ausspart. Die Shakespeare sche Narrenkrone suggeriert zwar Doppelbödiges, wirkt aber wie nachgereicht. Alan Titus wurde mit langen Ovationen aus dem "Ring" verabschiedet: Sein Wotan, als humorvoller, von früheren Zwängen unbelasteter Weiser vorgeführt, ist besser, imponierender denn je - und damit ein großes Versprechen für den Münchner "Ring"Durchgang 2004.<BR><BR>Auffallend lyrisch gestimmt gaben sich Simone Schröder (Erda), besonders Evelyn Herlitzius, die Brünnhildes Erwachen nicht als heroinenhaftes Sopran-Gewitter zelebrierte, sondern das Mädchenhafte, Irritierte in den Vordergrund stellte. Obwohl von der Regie an den Rollstuhl gefesselt, verdeutlichte Philip Kang das Schicksal Fafners eindrücklich. Und Hartmut Welkers kompakt-kerniger, stets aggressiver Alberich scheint die Figur, der sich Flimm im vierten "Ring"-Jahr zuwandte. </P><P>Denn der darf nun Wotan Speer und Hut abluchsen, sich zum schwarzen Ebenbild des Gottes aufschwingen - was diesen indes kaum mehr kümmert. Zwar erreicht "Siegfried" von Flimm und Erich Wonder (Bühne) nicht die Höhe der menschelnden "Walküre", ist dennoch solides, detailreiches Theater, das wieder Tschechow-Atmosphäre, einen sich effektvoll blähenden Mollusken-Drachen plus ein herrlich kitschendes Schlussbild offeriert: der geöffnete Stahl-Monolith vor eisiger Berglandschaft. Neuerungen, die Wagnerianer "zum Zähneknirschen" bringen, wie vom Regisseur versprochen? Gebisse sind offenbar erst in der "Götterdämmerung" gefährdet.</P>

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