Das schwarze Loch des Todes

- Die grauen Wolken über Salzburg zwangen die Wiederaufnahme-Premiere von Hugo von Hofmannsthals "Jedermann - Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes" weg vom Domplatz hinein ins Große Festspielhaus, weg von der hellen Barockfassade hinein in einen komplett schwarzen Bühnenraum mit zwei breiten Treppen (Marlene Poley). In ihm leuchtet nur die riesige Statue des Glaubens, selbst die bunte Spaß-Gesellschaft Jedermanns wird farblich von der Düsternis aufgesogen - vom schwarzen Loch des Todes. Der bekommt dadurch die stärkste Anziehungskraft. So verschiebt das Umfeld nachhaltig die Akzente in dem mittelalterlich inspirierten post-barocken Stück aus der vergangenen Jahrhundertwende, das noch heute fasziniert in seiner artifiziellen Naivität mit ihrer ehrlichen Gläubigkeit; und das wohl aus diesem geheimnisvollen Grund seit Anbeginn die Salzburger Festspiele einläutet.

<P>Christian Stückls Konzept geht auch zwei Jahre nach der Neuinszenierung auf, selbst wenn sich einige zähe Stellen _ durchaus stückbedingt _ nicht haben verflüssigen lassen. Seine zupackende Regie, die einfach keine intellektuelle Angst und Feigheit hatte vor diesem religiösen Drama, erlöste den "Jedermann" aus jahrzehntelanger Erstarrung. Wenn die fröhliche Riederinger Kinderschar hereinpurzelt und die Blasmusik spielt, wenn sie ihren Mini-"Jedermann" aufführen und Mönche Gott den Herrn, einen alten Juden, grob herschleppen, dann hat Stückl die Zuschauer schon gefangen.</P><P>Heuer bei seiner letzten Wiederaufnahme ist Rudolf Wessely (nach Hans-Michael Rehberg und Peter Fitz) Gott und Armer Nachbar, eher ein fordernder Jahve, selbst im Flehen um Jedermanns Einsicht. Man versteht, dass der ihn zunächst nur als strafenden denn als verzeihenden Gott sieht. Peter Simonischek, der 2002 der Titelrolle noch ziemlich distanziert gegenüberstand, hat nun den vom Tod Eingeschüchterten, ja den Gläubigen akzeptiert; akzentuiert von Anfang an die nachdenkliche Seite des Jedermann. Zwischen ihm und Buhlschaft Veronica Ferres knistert nach wie vor die Erotik nur oberflächlich, das Paar zeigt eher Beziehungsfrust. </P><P>Erzkomödiantischer Absahner bleibt Tobias Moretti als Guter Gesell, in dem schon der Beelzebub nervös vibriert, heraus will, und als bocksfüßiger, animalisch ordinärer Satyr-Teufel. Moretti ist wie geschaffen für dieses barocke Denken zwischen Drastik und Dialektik. Aber auch der ganz andere Schauspieler-Typ Jens Harzer, heißkalt-heutig, agiert in dem Hofmannsthal-Text souverän: Als weiß-grauer Tod funktioniert er nicht wie der altmodisch vertraute Sensenmann, sondern wie ein eisiger Killer-Engel. Und zugleich ist er vollkommen stimmig - was die barocke Allegorie, was die zeitlose Aussage angeht.<BR>Jubel am Ende vor allem für die Herrenriege - trotz fehlender Dom-Aura.</P>Bis 27. August; Karten Tel. 0043/ 662/80 45 500.

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