Schwarzes Märchen

- Happy Ends sehen anders aus. Der tote Telramund dräut aus dem Hintergrund, der verblichene König lehnt zehn Meter weiter am Baumstumpf, Elsa "entseelt" nebst Schwan mit derselben Diagnose _ und doch: "Lohengrin" zum Abschluss der Bayreuther Premierenwoche trieb das Auditorium in die Verzückung, im Falle des Titelhelden zur Raserei. Dabei wurde nicht einmal auf höchstem Festspiel-Niveau gesungen, leistete sich auch das Orchester (im, wie geraunt wurde, 47 Grad heißen Graben!) Lässlichkeiten.

<P>Aber Andrew Davis verlor sich eben nicht im Kleinklein, ließ das Stück im großen Bogen vorbeirauschen, kleine Wackler beim gewohnt exzellenten Chor inklusive. Eine Deutung aus einem Guss: dramatisch federnd, zügig, nie gravitätisch, dafür die Italianità` der Partitur herauskitzelnd. Und Regisseur Keith Warner lieferte dazu mit Stefanos Lazaridis (Bühne) das, was Claus Guth, Philippe Arlaud und Jürgen Flimm die sechs Abende zuvor verweigerten: emotional berührendes Theater, das sich gar dem Kitsch (warum eigentlich nicht?) öffnete.</P><P>Warner/ Lazaridis verpackten Konventionelles und Oratorien-Statuarik in nachtschwarzes Märchen-Ambiente. Die verrätselte Symbolik, die das Werk ins Ausweglose münden ließ, ging auf, entfaltete auch im fünften Bayreuther Jahr Wirkung: stundenlanges Staunen über Bilder, die mit der Musik eine enge Symbiose eingingen. Eine düstere Opulenz, an der gerade Flimm-Geschädigte wie von verbotener Kost naschten.</P><P>Als Neuzugang ist Reinhard Hagen ein Gewinn, der als König Heinrich auf Muskelspiele verzichtete, sondern mit schönem Timbre und genauer, liedhafter Gestaltung für sich einnahm. John Wegner hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Telramund versuchte er, durch Konsonantenzischeln und expressiver Deklamation zum Dämon aufzuplustern, was nur ansatzweise gelang. Ähnlich erging es Judith Nemeth, der neuen Ortrud. Endlich keine üppige Brünnhilde im Nebenjob, endlich eine Darstellerin, die sich für die Erotik der Partie interessierte - die aber Extremlagen nur mittels vokaler Grimasse in den Griff bekam.</P><P>Petra-Maria Schnitzer reichte leider nicht an ihr phänomenales Elsa-Debüt von 2002 heran. Sie begann eine Nuance zu tief, drohte die Stimme zu überreizen, besann sich später auf die lyrische Süße ihres Soprans. Ehemann Peter Seiffert in der Titelrolle ist hörbar auf dem Weg zu Tannhäuser, Tristan und Siegfried. Gefühlsarmes Singen gibt's bei diesem Ausnahme-Helden nicht, der sich in jede Phrase hineinkniete, mit einer schwer zu überbietenden "Gralserzählung" die Premierenwoche krönte. Und prompt, völlig zu Recht, die Bühne als Bayreuths Ovationsgewinner verließ.</P>

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