In der Schwebe

- Musik im Raum: Seit Giovanni Gabrieli um 1600 in Venedig Sänger und Instrumentalisten auf die Emporen von San Marco verteilte, hat die Methode nichts von ihrer Faszination verloren - im zweiten Konzert der Münchner musica viva taugte sogar der spröde Herkulessaal zu unerwarteten, suggestiven Raum-Klang-Wirkungen. Um ein Gedicht des 1941 im stalinistischen Terror umgekommenen russischen Dichters Daniil Charms herum hat Nicolaus Richter de Vroe sein "Tetra b IV", die Uraufführung des Abends, entwickelt.

Der Text verurteilt jeden Versuch rationalen Verstehens zum Scheitern: Menschen, Tiere und Gegenstände fliegen durch die Luft, und wie die Schwerkraft scheint sich auch die russische Grammatik aus der Tyrannei ihrer Gesetze zu lösen. Eine Absage an die Erstarrung in Regeln, ein Bekenntnis zur Lebendigkeit. Assoziationen zu den Schwebezuständen mancher Chagall-Gemälde oder zur Auferstehungsekstase des russischen Osterfestes sind nicht zufällig. <BR><BR>In "Tetra b IV" wird dieses Schweben zur Bewegung in Zeit und Raum: Der Posaunist Mike Svoboda und die Stimmkünstlerin Isabeella Beumer dringen unter Hervorbringung fremd-schöner Klänge aus den Tiefen des Saales zum BR-Symphonieorchester unter Peter Rundel vor und komplettieren mit Geiger Irvine Arditti und Isao Nakamura am Schlagzeug das Solistenquartett. Wenn das Stück in fast heiterer Ruhe ausschwingt, wird klar, dass seine Befreiung transzendentalen Charakters ist. <BR><BR>Zuvor ließ die erste Sinfonie des 1972 gestorbenen Stefan Wolpe - trotz einer Interpretation auch hier auf höchstem Niveau - solch sinnliche Ausstrahlung vermissen. Das Affektspektrum ihrer drei unruhigen, in dissonanten Stimmballungen und rhythmischen Verschiebungen an- und ab-schwellenden Sätze reichte von nichts sagend bis enervierend. Am Ende des Abend eine Versenkungsmusik, deren zarte Strukturen noch auf dem Heimweg nachklangen: Morton Feldmans irisierendes "Coptic Light". <BR><BR>

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