Schwebende Heiterkeit

- Innen ist sie am schönsten - die neue alte Schrannenhalle. Dieses lang vergessene Juwel Münchner Bau- und Ingenieurskunst wird - allerdings nur der 110 Meter lange erhaltene Teil - ab 5. September mit einer Festwoche eröffnet. Zurzeit wird noch wie wild gewerkelt: vom Pflaster draußen bis zu den Verkaufskojen drinnen. Zugänglich ist jetzt schon die bayerische Wirtschaft im nördlichen Kopfbau der Schranne, der als Freibank bekannt war. Mit dem Gesamtkomplex aus Halle und zwei festen Bauten erstrecken sich nun die sinnlichen Lustbarkeiten des Viktualienmarktes bis zum Hochbunker an der Corneliusstraße.

Karl Muffat, seines Zeichens Stadtbaumeister der königlichen Metropole, plante ab 1851 die "Maximilians-Getreide-Halle". Der Schrannenplatz, heute Marienplatz, war für den Handel der rapide wachsenden Stadt zu klein geworden. Der neue überdachte Verkaufsort erstreckte sich über 424 Meter: etwa vom heutigen Marionettentheater bis zum Viktualienmarkt. Die dezent gegliederten Mittel- und Kopfbauten waren gemauert - dazwischen spielte sich Spitzentechnologie ab. Die Konstruktion aus vorgefertigten Eisen-Elementen und Glas war damals topmodern und erwies sich als absolut zukunftsweisend. Die heutige Architektur ist ohne diese Konstruktionsprinzipien gar nicht denkbar. Mit der Wiedererrichtung dieses Tragwerks, das eine dreischiffige Basilika zitiert, können wir Baugeschichte anschaulich erleben und nachvollziehen.

Spitzentechnik fürs Bauen

Für den denkmalpflegerischen Teil war der Münchner Architekt Franz Hölzl verantwortlich,  für das andere inklusive den südlichen Kopfbau der Wiener Stefan A. Schumer. Zusammen mussten sie das Kunststück vollbringen, dem alten "Gerippe" gerecht zu werden, einen zeitgenössischen, die Halle abschließenden Baukörper zu entwerfen und die zahlreichen Nutzer in der Halle zufrieden zu stellen. Denn der Bauherr DBVI GmbH & Co. Schrannenhalle KG (Erbbaurecht von der Stadt) will ein flexibles Angebot vom Keller bis zu den Emporen und kein auratisches Denkmal - eine Nutzstätte also. Was die Markthalle ja immer war. Und als sie keinen "Nutzen" mehr versprach, wurde sie abgebrochen - ohne dass man sich ihrer architektonischen Einmaligkeit bewusst gewesen wäre. Solch eine Unverständigkeit werden uns im Übrigen unsere Nachkommen in einigen Jahrzehnten genauso vorwerfen.

Welch ein Glück also, dass ein Bruchteil der Schrannenhalle durch Zufall erhalten blieb und entdeckt wurde (Volker Hütsch). Wundervoll filigran schwebt das Dachgebälk in den Lüften, als wären die fein gegliederten, schlanken Stützen gar nicht nötig. Guss- und Schmiedeeisen gehen eine bezaubernd heitere Verbindung ein; wobei die unterschiedlichen Dachhöhen natürlich einen besonderen Reiz ausmachen. Genauso herzerwärmend ist's, wenn man durch die Prälat-Zistl-Straße flaniert. Dort bilden die geschwungene Häuserfront und die gerade Schranne einen lauschigen Anger. Zusammen mit dem hübschen Sebastiansplatz ist das ein urbanes Idyll.

Aus diesem Blickwinkel stört auch der Kopfbau von Schumer nicht sehr. Kommt der Passant von der Blumenstraße, wirkt der helle Quader (Ausmaße der "Freibank") jedoch dominant; störend auch die ungelöste Beziehung zu dem benachbarten Hochbunker. Die leichte Halle wird gewissermaßen von Klötzen eingezwängt. Für sich allein wäre der Neubau durchaus erfreulich. Die Glasfassade wechselt sich ab mit einem Rhythmus aus vertikalen, glänzenden Paneelen in Wassergrünblau-Tönen. Diese Farbgebung passt aber überhaupt nicht zum Moosgrün der alten Hallenpfeiler mit ihren zierlichen Kapitellen samt Münchner Kindl, Blumenmuster und Bayernrauten. Ebenfalls ungelöst bleibt die Verbindung zwischen schlankem, zweistufigem Hallen-Körper und Neubau. Schumer lässt sie einfach aneinander stoßen. Zu einfach!

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