Schwebende Poesie

- Daphnis und Chloé - die Liebenden auf Lesbos. Hirtenidylle, von Piraten gestört, die Chloé rauben wollen. Aber Gott Pan wendet alles zum Happy End. - Aus dem antiken Schäferroman von Longus hatte Ballets-Russes-Choreograph Michail Fokine 1904, beflügelt von Griechenschwärmerin Isadora Duncan, ein Libretto erarbeitet.

<P>Zu Ravels Partitur kam sein "Daphnis und Chloé´" 1912 in Paris zur Uraufführung. In die Schar illustrer "Daphnis"-Schöpfer (Ashton, Cranko, Neumeier u. a.) reihte sich soeben die US-postmoderne Lucinda Childs.</P><P>Ein Glücksfall für das Ballet du Grand Thé´â^tre de Genè`ve, ein junges, modern orientiertes Ensemble. Da hatte offensichtlich - fast als lenke wieder der große Ballets-Russes-Impresario Diaghilew - eine kreative Alchemie gewirkt. Vor allem zwischen Childs mit ihrer luftigen Choreographie und dem Szenographen Roland Aeschlimann. Wunderschön seine von Origami inspirierten, gefältelten, bis tief auf die Bühne reichenden Skulpturen, die man erst allmählich als zusammenhängende, riesige Spirale entziffert.</P><P>Eine grandiose Mehrfach-Metapher. Hier ragt das Gebirge, über das der Schatten Pans gleitet. Aber zugleich auch Tempel, Altar und Nymphengrotte. Immer wieder mit Lichtfarben: Rot, Gelb, Blau, Kalkweiß und Nachtgrau, neu modelliert, erträumen diese plissierten Gebilde eine bukolische Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten. Und in ihrer dem Geist der Musik horchenden sachten Umdrehung werden sie tanzende Partner einer jungen, Liebe-erlernenden Schäfergesellschaft in dezenten Griechen-Kostümen (Rudy Sabounghi), wie sie sich Ravel und die Maler des 18. Jahrhunderts vorstellten.</P><P>Zum ersten Mal wagt sich die bisher rein abstrakte Childs an eine Handlung. Und erzählt sie, Fokines Libretto leicht straffend, ganz klar. Chloé´ (Mimoza Koike) und Daphnis (Stefano Palmigiano) verlieben sich. Der eifersüchtige Hirte Dorkon wird in einem kurzen Wett-Tanzen zwar von Daphnis besiegt, entführt aber Chloé´ und ihre Freundinnen, während Daphnis von der schönen Lykanion umflirtet wird. Am Ende helfen dann doch die zunächst unwillig-starr am Bühnenrand wachenden Relief-Nymphen, die geliebte Chloé´ zurückzubringen.</P><P>Mit zweidimensionalen Relief-Posen webt Childs nicht nur griechische Bildmotivik ein. Unweigerlich erinnert sie so auch an die pointierte Zweidimensionalität in den Nijinsky-Balletten. Und darin liegt vielleicht der besondere Reiz dieser Choreographie: dass hinter der - trotz Story, trotz Handlung - zeitgenössischen Abstraktion, vor allem in Childs' größeren, minimalistisch angehauchten Ensemble-Formationen, die Ära Diaghilew durchscheint.</P><P>Lucinda Childs, berühmt geworden durch ihren Minimalismus, ist - wie man auch durch ihre Kreationen fürs Bayerische Staatsballett weiß - ja keine sinnlich üppige Choreographin. Aber wie ihr auf Grundformen der Neoklassik reduziertes Schrittmaterial, kombiniert mit einer ganz neuen, weiblich runden Weichheit, so ganz selbstverständlich dahingleitet, befindet es sich in vollendeter Harmonie mit der sanft bewegten Bühne und Ravels sublimem musikalischen Fresko.</P><P>Macht der Abend überdies überraschend bewusst, wie modern schon Fokines Forderung war nach "der Einheit von Tanz, Musik, Malerei und Plastik". Ganz im Sinne der schwebenden tänzerischen Poesie, die jedoch zeitgenössische Nüchternheit wahrt, präsentierten auch das Orchestre de la Suisse Romande unter Patrick Davin und der Chor des Grand Thé´â^tre Ravel den subtilen Koloristen ohne jede Süßlichkeit. Möglich, dass das Bayerische Staatsballett Childs' "Chamber Symphony" und ihr "Händel/Corelli" mit diesem Ravel zu einem "Childs-Porträt" ergänzen könnte . . .<BR><BR></P>

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