Das Schweigen der Tafelrunde

- Es ist eine der dunkelsten, furchtbarsten Seiten unserer Gesellschaft: der Missbrauch von Kindern, am häufigsten dort, wo er geheim gehalten werden kann - in der Familie. Ein Thema, das Regisseure scheuen. Unsagbares muss gesagt werden. Gerd Lohmeyer, der das als Schauspieler subtilst beherrscht, inszenierte jetzt fürs Münchner Metropoltheater Thomas Vinterbergs 1997 in Cannes ausgezeichneten Dogma-Film "Das Fest" in eigener Textfassung - und hätte damit auch einen Preis verdient.

<P>Diese unheilvolle Spannung schon gleich zu Beginn, wenn Christian eintrifft in dem abgewohnten Hotel mit seinen gepolsterten Wänden (Bühne: Bernhard Gross), die Intimes lautlos machen. Und doch hängt in der Luft schweigendes Mitwissen. Aber Lohmeyer - und das ist die große Leistung - lässt das Stück nicht in dieser Stimmung versacken. Er produziert kein Moraldrama - er führt Leben vor, so wie es wirklich ist. Banal, komisch, grausam, überlebenszäh. Und macht so das Ungeheuerliche noch ungeheurer.</P><P>An der langen gedeckten Tafel haben zwölf Personen Platz genommen. Ein Drei-Personen-Panoptikum, mit feucht glänzender Gourmet-Vorfreude auf den Wangen, dem Willen zu Festlichkeit und Harmonie. Alles Figuren aus Fleisch und Fehlerhaftigkeit, wie Michael (Michael Moreth), der jüngste Sohn, ein Versager und Jähzorner. Und der senile Großvater, der immer wieder faselt von Klingenfelds frühen Schwierigkeiten, an Frauen heranzukommen. Ein winziger, aber ahnungsvoller Hinweis, wie es zu seiner späteren inzestuösen Verfehlung kommen konnte. "Warum" fragt ja auch Christian, nachdem er den schrecklichen Wahrheits-Toast ausgebracht hat, den Vater.</P><P>Die zweite Leistung dieser Inszenierung ist das filmisch realistische Geschehen - obgleich Lohmeyer manchmal surreal überhöht. Wie Monika Manz aus ihrer mamselligen Großmutter aussteigt und mit ihrem Schlaflied die väterliche Schuld zudecken will - ein erschütternd wunderbarer Theatermoment. Aber sonst ist hier alles realistisch glaubhaft: das Schweigen der Tafelrunde, das verlegene Lachen der entlarvten Mutter. Diese entsetzliche Verdrängung, die von Stefan Murr als Christian und Hans Dieter Trayer als Vater in bewundernswerter Richtigkeit gespielt wird. Hier ist die Normalität das Grauen.</P><P>Karten: Tel. 089/ 32 19 55 33.</P>

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