Das Schweigen über ihre Liebe

- Er, der Wortemacher, hat keine Worte. Auf einer hölzernen Bank sitzt er, es ist wohl Sommer, sitzt vor seinem Haus in Zürich. Dreharbeiten zu Philippe Pilliods "Gespräche im Alter". Eine Kamera, die sein Gesicht einfängt, und viele Fragen. Er spricht viel, er antwortet gerne, aber jetzt, jetzt schaut Max Frisch zur Seite, schräg am Objektiv vorbei. Über "die Bachmann" gibt es nichts zu reden. Aber viel zu schweigen. Sie haben es immer so gehalten, Max Frisch und Ingeborg Bachmann, der Schriftsteller und die Schriftstellerin. Das Schweigen über ihre Liebe gehörte dazu, auch nach dem schmerzvollen Bruch.

Alles, was sie zu sagen hatten über den anderen, steht in Briefen, steht in ihren Büchern. "Zuletzt gesprochen haben wir uns 1963 in einem römischen Café´ vormittags. Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht", schreibt Max Frisch in der Erzählung "Montauk".

"In ihrer Nähe beginnt der Wahn."

Max Frisch

Ingeborg Bachmann schickt nach dem Aus verzweifelte Zeilen an Hans Werner Henze, den Freund und Komponisten: "Tatsache ist, dass ich tödlich verletzt bin und dass diese Trennung die größte Niederlage meines Lebens bedeutet." In dieser Zeit liegt Ingeborg Bachmann in einer Klinik, verlassen von Max Frisch, der mit der 23-jährigen Marianne Oellers, seiner späteren Frau, ein Verhältnis beginnt. An Hans Werner Henze schreibt Ingeborg Bachmann: "Ich habe so tun müssen, als sei nichts, nur eine Krankheit. Aber das stimmte nicht, es war nicht ein bisschen Krankheit, sondern ich musste in die Klinik, weil ich versucht habe, mich umzubringen." In ihrer Verzweiflung erfindet sie einen Liebhaber, schickt sich täglich selbst Rosen ans Krankenbett, um den Geliebten wieder für sich zu interessieren. Ohne Erfolg. "In ihrer Nähe beginnt der Wahn." Auch das hat Max Frisch einmal über Ingeborg Bachmann geschrieben.

Nach dem Krankenhausaufenthalt folgt eine einjährige Schaffenskrise der Dichterin. Sie verbietet Freunden, in ihrer Anwesenheit über Max Frisch zu sprechen.

"Ich wusste nicht, wie man Platz nimmt in einem anderen Leben."

Ingeborg Bachmann

Nichts also ist übrig von dem "Traumpaar der deutschen Literatur", wie sie damals genannt wurden. Nichts ist übrig von der Leichtigkeit ihrer ersten Begegnung in Paris, wo die Bachmann ein Züricher Gastspiel von "Biedermann und die Brandstifter" besuchen wollte. Und sich von Max Frisch überreden ließ, den Abend mit ihm alleine zu verbringen.

Es war der 3. Juli 1958, ein Tag "sicher noch ohne Kopfschmerzen, ohne Angstzustände, ohne unerträgliche Erinnerungen". So erinnert sich die Ich-Erzählerin in Bachmanns Roman "Manila" an diesen 3. Juli. Wie in "Manila" deuten auch etliche Gedichttitel wie "Zürichsee" oder "Tessiner Gräuel" auf Stationen des persönlichen Liebesdramas der Autorin hin. Man muss jedoch genau lesen, die autobiografischen Details kennen, um Spuren zu entdecken. Max Frisch verarbeitet in Szenen aus "Triptychon" und "Montauk" mehr oder weniger transparent das Geschehene, reflektiert dabei wie in "Mein Name sei Gantenbein" auch sich selbst: "Jede aber, die er wirklich zu lieben begann, sagte ihm früher oder später, dass er, wie alle Männer, von Liebe keine Ahnung habe."

Von 1959 bis 1963 lebt das Schriftsteller-Paar in der Schweiz, in Uetikon am See, später auch in Rom. Beide wollen heiraten, gleichzeitig aber gibt es so viel Trennendes: Max Frisch ist eifersüchtig auf jeden Mann, der sich der Bachmann nähert, sie versteht "Schreiben als Machtkampf", ist neidisch auf seine literarische Produktivität. Dennoch, die Werke des anderen sind tabu. Man arbeitet nicht zusammen, man kritisiert einander nicht. Wieder schweigt man. 1985 sagt Max Frisch: "Ich weiß nicht, was sie von meiner Arbeit gehalten hat."

1973 stirbt Ingeborg Bachmann an den Folgen eines Brands in ihrer Wohnung in Rom. Die Umstände sind bis heute ungeklärt. Die Liebe, von der sie träumte, hat sich nie erfüllt. "Ich wusste nicht, wie man Platz nimmt in einem anderen Leben", schreibt sie in "Undine geht". Und Max Frisch? Die Kamera zeigt sein Gesicht. Die Gesichtszüge sind weich geworden, für einen Moment, als der Name Ingeborg Bachmann fällt.

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