Ein Schweiger, der Erlösung sucht

- Hier in der Provinzstadt hatte er seinen größten Triumph gefeiert. Jetzt kommt er wieder und ist ein alter Mann - auch wenn es ihm vorkommen mag, als sei er eben erst fortgegangen, sind es doch 23 Jahre. Howard heißt Wim Wenders' Held in "Don't Come Knocking", ein Name, der sich kaum zufällig in Englisch auf Coward reimt. Ein Feigling ist er, der versucht, die Trümmer seines Lebens einzusammeln, auf unbekannte Kinder trifft und auf abgelegte Lieben, denen er jetzt, Jahrzehnte zu spät, einen Heiratsantrag macht, und auf seine Mutter, die er 30 Jahre lang nicht sah. Eve Marie Saint spielt sie, vor 50 Jahren Cary Grants Geliebte in Alfred Hitchcocks "North By Northwest", ein Fleisch gewordenes Kinozitat, das wieder zu sehen bezaubert. Nach Norden reist nun - ein Schweiger, der Erlösung sucht - auch Howard, durch die Wüsten Nevadas.

<P class=MsoNormal>Hier in Cannes hatte Wenders seinen größten Triumph gefeiert. Jetzt ist er wiedergekommen. Selbst wenn es ihm so vorkommt, als sei's nicht lange her: 21 Jahre sind vergangen seit der Goldenen Palme für "Paris, Texas". Erstmals hat er wieder ein Drehbuch von Sam Shepard verfilmt, doch die Zeit hat allzu sichtbare Spuren hinterlassen. Was einst lakonisch war, ist nun geschwätzig geworden; das Männerbild ist wie die Männerprobleme dieses Films ein Relikt aus einer Vergangenheit, die heute gerade so lange her ist, dass sie einem ferner vorkommt als jede andere. Noch schwerer wiegt, dass Wenders diesmal ganz im Gegensatz zu anderen nicht mehr taufrischen Regisseuren im Wettbewerb, ganz im Gegensatz aber auch zu seinem eigenen letzten Film "Land of Plenty" alle Neugier auf die Welt fehlt, die ihn umgibt. </P><P class=MsoNormal>"Don't Come Knocking" ist, wovon der Titel spricht: ein Film darüber, dass hier einer in seinem eigenen Universum nicht gestört werden will, dass einer die Neugier und damit die Zukunft verloren hat - ein Altmännerfilm, der wie alle diese Filme immerhin noch mit den Frauen vor der Kamera etwas anfangen kann, mit den Männern aber nicht mehr. "Wie bist Du so geworden?" wird der Sohn von der Mutter gefragt - und vom Zuschauer. Eine Antwort liefert Wenders nicht.</P><P class=MsoNormal>Fulminantes Debüt des Münchners Heisenberg</P><P class=MsoNormal>Um einsame Männer und ihre Probleme kreisen auch die beiden anderen deutschen Filme in Cannes. Sie laufen in der zweiten Reihe, Un Certain Regard, und können zwar keine Goldene Palme, aber die Camera d'Or und verschiedene Nachwuchspreise gewinnen. "Falscher Bekenner" heißt der von der französischen Kritik gefeierte Film von Christoph Hochhäusler. Vorbei an allen deutschen Fördergremien haben er und seine Kölner Produktionsfirma Heimatfilm einen intensiven Psychothriller gedreht. Er handelt von einem Abiturienten, der noch bei den fürsorglichen, aber absolut verständnislosen Eltern wohnt und zwischen erfolglosen Bewerbungsgesprächen ziellos in den Tag hinein lebt. Ein Porträt der Desorientierung und Identitätssuche. Seinem Thema gewinnt Hochhäusler dabei sehr viele humorvolle Seiten ab, sodass man "Falscher Bekenner" sogar als zutiefst menschliche Komödie begreifen kann.</P><P class=MsoNormal>Ein fulminantes Debüt gelingt dem Münchner Filmhochschüler Benjamin Heisenberg mit "Schläfer". Auch hier ein junger Mann, der still und schweigend einen diffusen Zorn in sich hineinfrisst. Ein Thriller, der freilich dadurch etwas genretypischer wirkt, dass der hoffnungsvolle Chemiestudent bald vom Geheimdienst angeworben wird. Er soll seinen arabischen Freund und Kollegen bespitzeln, der könne ein terroristischer Schläfer sein. Es ist der Alltag, der plötzlich zum Drama wird und die Figuren zur Katharsis zwingt. Ein kluger Film über Verrat und seine Folgen und das kühle, ganz gegenwärtige Bild einer Welt, in der jeder jeden betrügt. Gemeinsam ist beiden jungen Regisseuren nicht nur eine im Gegensatz zu Wenders auf ihre eigene Welt und Gegenwart gerichtete Neugier und der Verzicht auf Vergangenheitsseligkeit. Ihr Stilwille: Diszipliniert und ökonomisch erwecken sie den Sinn für feine Unterschiede und genaue Beobachtung wieder zum Leben, der in Cannes schon mal verkümmern kann, obwohl hier die Zukunft des Kinos liegt.</P><P class=MsoNormal>Kurz vor Torschluss wird Bilanz gezogen. Für viel Gesprächsstoff sorgte die außer Konkurrenz gezeigte Doku: "The Power of Nightmares" des Briten Adam Curtis. Der Film erzählt parallel die Geschichte der US-amerikanischen Neokonservativen und der Islamisten seit ihrer Geburtsstunde im Kalten Krieg kurz nach 1945. Das verblüffende, aber mit vielen Fakten gestützte Fazit: Die Al Kaida gibt es nicht! Die Terrorgruppe sei nur eine Erfindung amerikanischer Rechtsaußen, die ihren eigenen Weltverschwörungsideen auf den Leim gingen. Bush und Co. eigenen Lügen, ähnlich wie Bin Laden.</P><P class=MsoNormal>Nach einem Wettbewerb ohne Höhepunkte und Überraschungen, aber mit vielen guten Filmen gehen Michael Hanekes "Caché" und "L'Enfant" der Brüder Dardenne als Preisfavoriten ins Wochenende - zwei abgründige Filme, die anhand privater Geschichten aufs große Ganze zielen.</P>

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