Spielzeitauftakt

Schweinsbraten mit Sahnetorte

Valery Gergiev startet mit den Münchner Philharmonikern in die neue Saison - die Kritik

Ein Rücksturz in die Ära des Vorvorgängers: Man erinnere sich an Konzerte, als James Levine frohgemut und gedankenarm an einem Abend zum Beispiel Schlachtplatte mit Bartóks „Wunderbarem Mandarin“, Strawinskys „Sacre“ und Ausschnitten aus Strauss’ „Elektra“ reichte. Auch die aktuelle Saisoneröffnung der Münchner Philharmoniker schmeckt nach Schweinsbraten mit Sahnetorte. Strauss’ „Don Juan“ plus „Heldenleben“ plus fünfter Akt aus Berlioz’ „Trojanern“, darauf muss man erst einmal kommen.

Vor allem muss man dazu eine Haltung entwickeln. Berlioz als Revolutionär der Instrumentation, als Kaum-noch-Bändiger eines Opernmonstrums, an dem stilistische Fliehkräfte zerren? Kaum eine Hörspur davon in Münchens Philharmonie. Die Zeiten à la Levine, als solches unpräzise dahinholperte, sind gottlob vorbei. Doch nur auf Durchkommen und Bewältigen spielen, die Partitur lediglich verbuchen und sich brav bis befangen von Episode zu Episode hangeln, das entzieht gerade dem Finalakt der „Trojaner“ jegliche Deutungsgrundlage. Man nehme nur die letzte, tragische Begegnung Enée/ Didon, von Berlioz mit einem fiebrigen, rhythmisch sehr profilierten, in der Belcanto-Dramatik wurzelnden Orchesterkommentar versehen. Gergiev kam mit seinen Musikern kaum übers Buchstabieren hinaus – der dramatische Gehalt der Situation verpuffte.

Bis auf Yulia Matochkina als Didon, deren nie ausufernder Mezzo in allen Lagen unverkrampft strömt, und abgesehen vom reaktionsstarken, mit BR-Kollegen durchsetzten Philharmonischen Chor klang alles nach B-Besetzung aus Gergievs St. Petersburger Mariinsky-Theater. Sergej Semishkur brachte mit unstetem Tenor seine Enée-Aufgabe gerade noch rechtzeitig zu Ende. Wer was singt, war ohnehin nicht zu erfahren. Keine Rollenliste, kein abgedruckter Text, keine Übertitel – dann kann man konzertante Oper auch gleich lassen.

Wesentlich weniger Fremdeln bei den flankierenden Strauss-Werken, vielleicht auch, weil diese Musik Gergiev so viel entgegenbringt, dass er nur noch annehmen, kanalisieren und steuern muss. „Don Juan“ und besonders das vom Maestro so geliebte „Heldenleben“ durften sich zwar in aller Herrlichkeit entfalten. Doch dies ohne Drastik, ohne Drücker, ohne schwitzende Dramatik. Was zu bestaunen war: das Klangselbstbewusstsein der Philharmoniker, musikantische Noblesse, ein aufeinander Eingehen selbst im größten Tutti. Heftiger, enden wollender Applaus. Irgendwann ist ja auch die beste Hörer-Kondition erschöpft.

Markus Thiel

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