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Traum vom besseren Leben: Anna-Katharina Behnke als Senta.

Premierenkritik

Schwere Stunden für Münchner Patrioten

Erl - Die Premiere der Tiroler Festspiele in Erl war musikalisch fulminant. Gustav Kuhn bringt Richard Wagners „Fliegender Holländer“ in musikalischer Hochform auf die Bühne.

Kein finaler Sprung also in die gischtende Glut. Kein Selbstmord mit dem Küchenmesser (wie uns manche Regisseure weismachen wollen). Und schon gar keine verzückte Himmelfahrt (wie es Wagner in seiner Harfen-umrankten Spätfassung behauptet). Nein, Senta sinkt zusammen, gleitet entseelt auf den Schoß des Holländers. Eine Pietà. Nur unter anderen Vorzeichen.

Und so schön wie hintersinnig: Schließlich befinden wir uns im Passionsspielhaus zu Erl, wo Anno Domini 2013 das dörfliche Spektakel ums Leiden des Herrn seinen 400. Geburtstag feiern wird. Vorerst aber führt Gustav Kuhn, der selbsterklärte „Wahnsinnige“, hier noch das Wort.

Mit seinen Tiroler Festspielen. Und mit einem neuen „Fliegenden Holländer“, der dem regelmäßigen Konsumenten von Bayerns Staatsopernkost den Patriotismus schwer macht: Dieser Inntal- „Holländer“ liegt – musikalisch – locker um eine Klasse über dem jüngsten Nationaltheater-Durchgang. Bei der Inszenierung sind freilich Abstriche zu machen.

Es gibt Momente, in denen Dirigenten-Regisseur Kuhn seinem Publikum zuzwinkert (mit den Chormatrosen im flotten roten Ölzeug und mit einem Steuermann, der im dritten Akt statt eines Segels gehisst wird). Man staunt über so simple wie wirkungsvolle Effekte (wenn das riesige rote Holländer-Segel aufgezogen wird). Und man registriert einen Hang zum Halbkonzertanten, am Eklatantesten beim „Chor-Krieg“ der Holländer-Schergen gegen Dalands Mannschaft: Letztere bleibt artig bis unbeteiligt auf den Stufen sitzen, bis die Kollegen mit dem Megafon-verstärkten Gedröhn fertig sind.

Weltklasse: Liang Li als Daland.

Aber auf Ambitionsanfälle verspürte Kuhn schließlich noch nie große Lust – und vertraut auf das, was doch in der Oper am wichtigsten ist: auf den singenden Darsteller. Dass er für diese „Holländer“-Premiere (man spielt die dreiaktige Fassung) auch noch die stärkste Erler Besetzung seit langem gefunden hat, blendet gelegentlichen Regie-Stillstand aus. Am Daland des Chinesen Liang Li zum Beispiel mag man sich nicht satthören und -sehen. Der in Stuttgart fest Engagierte und demnächst in Dresden Aktive gebietet über ein machtvolles, passend schwarzes, nie über die Ufer tretendes Bass-Organ: eine Weltklasse-Interpretation.

Auch Oskar Hillebrandt kommt trotz seiner Vorliebe für gellende, leicht übersteuerte Attacken locker und mit Muster-Diktion durch die Holländer-Partie, findet im zweiten Akt zu Pianissimo-Innigkeit. Anna-Katharina Behnke (Senta) nimmt in jenen Höhenregionen, wo’s für die Kolleginnen dünn wird, erst so richtig Fahrt auf. Luis Chapa widerlegt, dass der Erik in teilweise unangenehm bis unsingbaren Lagen notiert sein soll.

Und Andreas Schager (Steuermann) und Ekaterina Sergeeva (Mary) sind offenbar Kuhns Luxus-Laune geschuldet: Sie sind in ihren Rollen schlicht überbesetzt. Der Meister selbst führt dabei vor, wie viel Wärme und Eleganz in Wagners Frühwerk steckt, dies mit viel Gefühl für Tempo-Architektur und instrumentale Zutaten. Das Blech schiebt sich nie vorlaut vor die wachsweich agierenden Streicherkollegen des Tiroler Festspielorchesters. Ein Klang, so füllig und tiefenscharf, so balanciert und von der idealen Akustik befördert, dass manch Bayreuth-Kenner schwach werden dürfte.

Auch die Chorakademie der Tiroler Festspiele besteht mit Schlagkraft und Präzision gegen die Konkurrenz. Und so genau, so sauber gelingt der Spinnerinnen-Chor sonst eigentlich nur auf CD-Studioproduktionen. Zweimal ist dieser Erler „Holländer“ noch zu erleben – bevor Kuhn 2011 Anlauf nimmt zum nächsten Wagner: zum „Tannhäuser“.

Weitere Vorstellungen: 23.7. und 1.8. (teilweise in anderen Besetzungen); Tel. 0043/ 5373/ 810 68 41.
Web: www.tiroler-festspiele.at

von Markus Thiel

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