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Den Handschlag verweigern dürften ihm derzeit einige Musiker: Daniel Barenboim soll in Berlin ein absolutistisches Regime führen.

SCHWERE VORWÜRFE GEGEN STAR-DIRIGENTEN

Daniel Barenboim: Der König wankt

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Seit Tagen kursieren massive anonyme Vorwürfe gegen Daniel Barenboim. Jetzt wagen sich Musiker aus der Deckung.

Berlin/ München - Als Streiter für Toleranz, für Aussöhnung und den Friedensprozess (nicht nur in Nahost) ist Daniel Barenboim weltweit anerkannt. Intern allerdings, im Umgang mit Musikern, tritt er angeblich ganz anders auf: Seitdem das Online-Klassikmagazin „Van“ kürzlich einen aufsehenerregenden Artikel über den Star publiziert hat, zieht das Thema immer weitere Kreise. Launen, Aggression, Psychoterror und physische Gewalt wurden da dem 76-Jährigen vorgeworfen. Das Problem an der Geschichte: Der Autor nannte keine Namen, weil die Betroffenen Konsequenzen fürchten.

Doch die Ersten wagen sich aus der Deckung, unter anderem der Solo-Pauker des Bayerischen Staatsorchesters. Willi Hilgers hat seinerzeit die Staatskapelle Berlin wegen Barenboim verlassen. In einem Facebook-Post schreibt Hilgers, er habe unter diesem Chefdirigenten „über viele Jahre Schlimmstes durchmachen müssen“. Depressionen und Bluthochdruck seien die Folge gewesen. „Schade, dass viele Geschädigte sowohl innerhalb des Orchesters als auch außerhalb sich jetzt nicht zu Wort melden aus Angst vor einem Rausschmiss oder anderen Gründen.“ Er hoffe, dass sich noch andere Betroffene ein Herz fassen „und genau wie ich die Wahrheit ans Tageslicht bringen“.

Willi Hilgers, Solo-Pauker der Bayerischen Staatsoper.

Hilgers mochte unserer Zeitung gegenüber nicht Stellung nehmen. In einer Mail bedauerte er, dass er mit einem Artikel über seinen Fall und dem dafür verantwortlichen Journalisten sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe. Und die Pressestelle der Bayerischen Staatsoper ließ wissen, Hilgers habe sich ausführlich mit dem Bayerischen Rundfunk über die Thematik unterhalten und wolle daher zum jetzigen Zeitpunkt keine Interviews geben. Es würde nicht überraschen, wenn der Bayerischen Staatsoper alles zu heiß geworden ist und sie die Sache an sich gezogen hat.

Dass Hilgers mit den Anschuldigungen nicht allein ist, zeigen unter anderem Antworten auf seine Facebook-Zeilen. Dort schreibt die Geigerin Beate Schubert, dass es auf einer Japan-Tournee der Berliner Staatskapelle einen Eklat mit Barenboim gegeben und sie „vehement widersprochen“ habe. Auch der Berliner Posaunist Martin Reinhardt springt seinem damaligen Mitstreiter bei. Er könne alles bestätigen, was mit Hilgers, aber auch mit vielen anderen engen Kollegen passiert sei.

Barenboim wehrt sich

Gestern äußerte sich Barenboim gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zu dem Fall. Mit Blick auf Willi Hilgers sagte er: „Die Frage ist: Wenn ich ihn so ungerecht behandelt habe – warum ist er dann zwölf oder dreizehn Jahre hier geblieben? Ich bezweifle seinen guten Willen in dieser Sache.“ Alle diese Vorwürfe seien mit einer Kampagne verbunden, die seinen Verbleib in Berlin verhindern wolle.

Dass der dort bislang unangefochtene Barenboim ein fast absolutistisches Regime führt, ist nichts Neues. Stadt und Staatsopern-Entscheidungsträger lassen ihn gewähren, weil der Dirigent seit seinem Amtsantritt 1992 das Haus und vor allem das Orchester auf die Weltbühne zurückgeführt hat. Ohne Barenboim, das ist ebenso unbestritten wie seine bestechende Kompetenz als Interpret, würde die Staatsoper Unter den Linden nur eine Regionalexistenz führen.

Die Vehemenz der Vorwürfe, auch die Details, all das ist jedoch neu. Dass dies jetzt ans Tageslicht kommt, hängt auch mit einer umfassenderen Debatte über Dirigenten, ihre Rolle, ihre Verhaltensweisen und mutmaßlichen Entgleisungen zusammen. Gustav Kuhn bei den Tiroler Festspielen Erl und Daniele Gatti beim Amsterdamer Concertgebouw Orchestra mussten ihre Posten räumen, auch James Levine an der New Yorker Met und Charles Dutoit beim Royal Philharmonic Orchestra London, wobei alle zusätzlich mit dem Vorwurf des sexuellen Übergriffs kämpfen müssen. Die Diskussion um Alleinherrscher Barenboim zeigt auch, wie sehr sich der Dirigentenberuf und sein Status wandeln. Die früher unangefochtenen Monarchen müssen mit einem anderen Selbstverständnis zurechtkommen, auch mit einem anderen Selbstbewusstsein der Musiker. Einer der letzten vordemokratischen Berufe hat eine Wandlung erfahren hin zur Kollegialität. Tyrannen wie Toscanini hätten heute keine Chancen mehr

Nur noch wenige Vertreter der ganz alten Schule

Ein paar Vertreter der alten Schule, die Widerworte kaum gewöhnt sind, gibt es noch. Riccardo Muti zählt dazu, auch Sir John Eliot Gardiner. Letzterer pflegt etwa, Musiker sogar renommierter Orchester in Proben vorzuführen. Das Gros selbst in der Ü-70-Generation aber, man denke nur an Mariss Jansons, verhält sich anders.

Auch wenn Publizisten und Sänger Barenboim schon verteidigen, so hat die aktuelle Affäre Auswirkungen auf sein Wirken in Berlin. 2022 endet der Vertrag als Generalmusikdirektor der Staatsoper. Dann wäre er fast 80 und schon 30 Jahre am Haus – eine Zeitspanne, die auch Verkrustungen und künstlerischen Leerlauf provoziert. Offen ist ebenfalls, wie es mit seiner anderen Chefposition weitergeht. Auch aus dem von ihm 1999 mitgegründeten West Eastern Divan Orchestra gibt es Vorwürfe. Im „Van“-Magazin ist von regelmäßigen Wutausbrüchen die Rede und von weinenden Musikern, die in Konzerten die Bühne verlassen. Was hier schwerer wiegt: Es handelt sich um Jugendliche, denen Daniel Barenboim mühelos die Karriere verbauen kann.

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