Der Schwergewichtsboxer

- Durch seinen Sieg bei der Berlinale mit "Gegen die Wand" gehört der 1973 in Hamburg geborene Fatih Akin zur ersten Garde deutscher Regisseure. Nach mehreren Kurzfilmen drehte er 1998 mit "Kurz und schmerzlos" seinen ersten Spielfilm. Es folgten "Im Juli" (2000) und "Solino" (2002).

<P>"Gegen die Wand" ist nahes, körperliches und auch - im positiven Sinn - schmutziges Kino. Der Streifen scheint eine Rückkehr zu Ihren filmischen Wurzeln, zum Erstling "Kurz und schmerzlos".<BR><BR>Akin: Für mich ist der Film eine Weiterentwicklung, keine Rückkehr. "Gegen die Wand" ist handwerklich reifer, hat eine weniger naive Haltung. Die Verwandtschaft von "Gegen die Wand" und "Kurz und Schmerzlos" ist das Hauptmotiv: Ausdruck. <BR><BR>Was waren entscheidende Erfahrungen bei der Arbeit an "Gegen die Wand"?<BR><BR>Akin: Dass ich auch Produzent war, hat sich auf den Film ausgewirkt. Ich habe ja eigenes Geld hineingesteckt, um ihn so zu schneiden, wie ich wollte. Das ist hier sehr ungewöhnlich und war eine fundamental neue Erfahrung. Und nicht nur eine Befreiung. Es war auch ein größeres Risiko. Weil alles hätte in die Hose gehen können, habe ich mir gesagt: "Wenn das schon mein letzter Film sein könnte, dann mache ihn wenigstens gut." Jeder Filmemacher ist wie ein Schwergewichtsboxer. Boxer teilen sich immer die Kräfte ein. Das muss man als Regisseur auch. Man gibt nicht jeden Tag 100 Prozent. Bei diesem Film war es aber so, dass wir jeden Tag alles gegeben haben, was zu enormen Erschöpfungen geführt hat. <BR><BR>Ein Erfolg wie der Berlinale-Sieg ist immer eine Bestätigung. Gibt es etwas, was Sie inzwischen anders, besser machen würden?<BR><BR>Akin: Diesen Moment wird es mit Sicherheit sehr bald geben. Wenn ich heute "Kurz und schmerzlos" sehe, kann ich gar nicht mehr hingucken.<BR><BR>Wenn man Sie immer wieder auf Ihre deutsch-türkische Herkunft anspricht - ist das angemessen oder eine Fehlwahrnehmung? <BR><BR>Akin: Eine Fehlwahrnehmung. Beim ersten Film war es noch in Ordnung. Aber schon bei "Im Juli" nicht mehr. Wenn ich nichts über Türken gemacht habe, kam die Frage: "Warum nichts über Türken?" <BR><BR>Sie empfinden sich als deutscher Regisseur. Wieso thematisieren Ihre Filme immer irgendeine Form von Herkunft? <BR><BR>Akin: Die Türkei ist eben nicht das Herkunftsland meiner Figuren. Sie kommen aus Deutschland. Die Türkei ist etwas Fremdes. Mich interessiert nicht der Ort, sondern der Zustand. Alle meine Figuren sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Und im Ursprungsland suchen sie Erlösung. Aber sie finden sie nicht.<BR><BR>Ihre beiden Stars sind nach der Berlinale durch Unsachlichkeiten ins Gerede gekommen. Macht es einen Film echter, wenn man Darsteller nimmt, die ihre eigenen Abgründe haben? <BR><BR>Akin: Realismus im Film ist ja nichts weiter als ein Stilmittel. Wenn man "echt" sein will, dreht man einen Dokumentarfilm. Aber man kann eine gewisse Form von Realismus erzeugen, wenn man Laien nimmt, an Originalschauplätzen arbeitet. Ich habe zwar immer den Realismus gebrochen, aber jetzt im Augenblick bin ich in einer Phase des Realismus'. Das liegt mir, das kann ich, und das macht mir am meisten Spaß.</P><P>Das Gespräch führte  Rüdiger Suchsland</P><P> </P>

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