Schwieriger Spagat

- Das Positive zuerst: Die Abonnenten scheinen auch in der zweiten Saison der neuen Mannschaft der Münchner Kammerspiele weitgehend treu zu bleiben. 601 Plätze wurden zurückgegeben, dem stehen 634 Neuanmeldungen gegenüber. Die Abonnenten-Mehrheit lässt sich nämlich selbst bei durchaus berechtigter Unzufriedenheit mit dem bislang Gebotenen aus "ihrem" Theater nicht vertreiben. Derzeit haben die Kammerspiele 5442 Abonnenten; Ziel sind 7000, also so viele wie in der letzten Spielzeit der Intendanz Dorn (1999/ 2000). Bewerbungsschluss für Neukunden - auch ein preisgünstiges Jugendabo wird angeboten - ist der 30. Juni.

<P>Die Platzausnutzung, die Intendant Frank Baumbauer jetzt präsentierte, kann sich sehen lassen. Zum Stichtag 30. April lag sie bei knapp 80 Prozent. Ziemlich finster sieht's bei der Jutierhalle aus, die mit ihren kläglichen 62 Prozent den Gesamtdurchschnitt belastet. Ein Jammer für diesen einmalig schönen Spielort, der zu Saisonende geschlossen wird. Ein Jammer aber auch, dass hier die Kammerspiele z. T. nur Unzulängliches geboten haben.</P><P>Viel mehr Kopfzerbrechen als die künstlerische Qualität im Einzelnen scheint aber Baumbauer die finanzielle Situation zu bereiten. Elf Premieren, von denen bis jetzt nur zehn Titel genannt wurden, sind zwar geplant. "Realisieren aber können wir, bedingt durch die Sparmaßnahmen der Stadt, höchstens acht", so der Intendant, der nun mit einer Million Euro weniger auskommen muss.</P><P>Die Konsequenz daraus dürfte der Verzicht auf alle Nebenschauplätze sein. Wenn also im Oktober das Werkraumtheater mit dem Jon-Fosse-Stück "Da kommt noch wer" wiedereröffnet wird, dann könnte der Titel leere Versprechung sein; denn danach kommt möglicherweise nichts mehr.</P><P>Baumbauer: "Den Spagat zwischen Kunst und Wirtschaft habe ich eigentlich immer sehr gut hingekriegt; im Moment aber bin ich ratlos, wie ich es schaffen soll. Die Kammerspiele sind seit jeher auf zwölf Inszenierungen pro Saison angelegt. Wenn wir weniger machen müssen, bedeutet das einen realen Abbau von Arbeitsstellen."</P><P>Und auf die Frage, ob er unter diesen Umständen sich mit Abschiedsgedanken trage: "Darüber werde ich erst im nächsten Jahr nachdenken."</P><P>Chefdramaturg Tilman Raabke verweist bei der Präsentation des Spielplans auf die "politischen Schwerpunktproduktionen". Das ist einmal die Beschäftigung mit Heiner Müllers Titus Andronicus-Version, damit es nun glücklicherweise drei(!) "Titusse" in der Stadt gibt. Zum anderen die Auseinandersetzung mit Schillers "Don Carlos". Und in Fortführung ihrer Antikenarbeit präsentieren die Kammerspiele Sophokles' "Antigone". </P>

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