Schwundschnitte dringen ins Innerste

- Kettensäge ja - Massaker nein. Denn Rudolf Wachter, mittlerweile schon ein Achtziger, holt mit diesem lärmenden und gewalttätigen Instrument, aber eben mit seinem speziellen liebevollen Spürsinn Kunst aus dem Holz. "Rudolf Wachter - Aus dem Stamm" heißt deswegen auch die schöne Ausstellung in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung (Kuratorin Christiane Lange). Nach der Schließzeit wegen Reparaturarbeiten startet das Haus damit in die Herbstsaison. Und präsentiert sich klar und beschwingt.

<P>Diese Skulpturen tun den Räumen gut - und umgekehrt. Selten wurden Wachters Bäume so elegant präsentiert. Schon der mächtige, acht Meter hohe, über zwei Meter dicke Mahagoni-Stamm aus Weingarten, jetzt auf der Theatinerstraße (sechs Sondergenehmigungen fordert die Stadtverwaltung dafür), setzt ein beeindruckendes Fanal; dann geht's gleich weiter im unteren und oberen Foyer mit Plastiken, die wie Faltarbeiten aus massiven Bretten ausschauen.<BR><BR>Wachter, in Bernried nahe dem Bodensee geboren, stammt aus einer Schreinerei und ist selbst Schreinermeister. Den jungen Burschen erfüllte diese Aufgabe aber nicht. Nach dem Krieg begann die Suche nach neuen Ausdrucksformen: Zunächst kam die Schnitzerschule in Oberammergau, ab 1949 die Münchner Kunstakademie. </P><P>Wachter musste sein Können wieder verlernen, Virtuosität im Umgang mit Holz interessierte ihn nicht. Stein und Metall forderten ihn heraus; die Auseinandersetzung mit der Moderne begann, aber auch mit den archaischen Formen der alten Griechen. In den 70er-Jahren ist er wieder beim Holz angelangt, bei dem Stoff, den er am besten kennt. Die Kettensäge wird zum einzig richtigen Handwerkszeug, denn Wachter dringt tief in den Stamm. <BR><BR>Mit der Kettensäge</P><P>Er arbeitet damit, dass Holz arbeitet. Er setzt Schwundschnitte. Wer nun in der Kunsthalle denkt, da wurden Keile aus dem Baum gesägt, täuscht sich. Das Sägeblatt führt der Bildhauer bis in den Kern des Holzes, bis zum Innersten der Jahresringe. Da dort weniger Wasser ist als in den äußeren, bewegt sich das Holz, formt sich nach eigenen Gesetzen. Rudolf Wachter folgt diesen: Wir trauen unseren Augen nicht, was dabei herauskommt. </P><P>Und immer aus einem einzigen Stamm. Da winden sich Spindeln, Spiralen und Kringel; da scheint ein Stoß mit Vierkanthölzern gerade umzufallen - und bleibt doch in der Sturz-Schwebe, weil alle Balken ein Stamm sind; da blättert sich das Holz auf oder verkantet sich zu merkwürdigen Schachteln; da arbeitet sich ein gekrümmter Stamm nach oben, abgestützt an einem Pfeiler der Hypo-Kunsthalle.<BR><BR>Diese hat sich mehr als sonst geöffnet und bietet dadurch viele fabelhafte Durchblicke, die ganze Werk-Abfolgen augenfällig machen. Am elegantesten aber sind Rudolf Wachters Längsschnitte. Wenn dynamisch gestreckte Speer-Energien über die Wand flitzen, wenn Schlitze zarte Stämme öffnen, wenn eine mehrfach zu Ovalen angesägte Fichte zu Vogelschwingen wird. Die Sanftmut des Holzes raut Wachter bewusst auf, will sperrige Kunst, und doch ist die Weichheit der Weide mit ihrem grauseidenen Schimmer unwiderstehlich schön: Sie ließ er unverwundet.</P><P>Bis 9. November, Katalog, Hirmer Verlag: 19 Euro. Tel. 089/ 22 44 12.<BR>Die Galerie Rieder, Maximilianstraße 22, zeigt ebenfalls Wachter, bis 29.11.</P>

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