Scorpions-Rockshow in der Olympiahalle

München - Die Scorpions verabschiedeten sich nach 45 Jahren mit einer wuchtigen Rockshow in der Münchner Olympiahalle.

Dass es so früh an diesem Abend schon derart emotional werden würde, ist dann doch eine Überraschung. 45 Minuten nachdem die Scorpions die Bühne in der seit Wochen ausverkauften Münchner Olympiahalle enterten und mit „Sting in the Tail“ vom neuen, letzten Album ihr Abschiedskonzert eröffneten, stehen die fünf Musiker erstmals ganz vorn an der Rampe des Bühnen-Vorbaus und lassen sich huldigen. Dann spielen sie eine herrliche Akustikversion ihrer Neunziger-Ballade „Send Me an Angel“ – und die Fans, so scheint es, wollen gar nicht aufhören zu applaudieren. Emotionen satt, nicht zum letzten Mal an diesem Abend.

Es ist ja auch ein besonderer, denn die Beziehung zwischen München und der Hardrock-Band aus Hannover, die für die kommenden dreieinhalb Jahre auf Abschiedstour ist (mindestens 200 Konzerte auf fünf Kontinenten) und sich dann trennen will, ist eine besondere. Lange hat die Band hier nicht mehr gespielt. Jetzt liefert sie für zwei Stunden eine großartige Rock-Show. „Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie gut es sich anfühlt, hier zu sein“, ruft Klaus Meine. Gewiss, das ist ein Standard-Satz bei Konzerten, und dennoch ist es, als sage ihn der Sänger, der am 25. Mai seinen 62. Geburtstag feiert, an diesem Abend mit echter Anteilnahme.

Die Scorpions haben es einem oft leicht gemacht, sie ein bisschen lächerlich zu finden. Schließlich zelebrieren sie den klassischen Hardrock zwar nicht spaß-, doch recht ironie-frei. Sie zeigen aber auch, warum sie seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten deutschen Bands weltweit zählen: Sie sind auf der Bühne eine Wucht. James Kottak am Schlagwerk und Bassist Pavel Maciwoda liefern punktgenau das stampfende, treibende Fundament, über das Rudolf Schenker und Matthias Jabs ihre Gitarren-Walzen brettern. Dazu singt Meine mit seiner unvergleichlichen Stimme davon, wie es ist, die Welt zu rocken. Optisch umrahmt wird all das von Feuersäulen, im Takt abgefeuerten Leuchtraketen und Funkenregen – mehr braucht eine Rock-Show nicht.

Es herrscht Stadionatmosphäre in der Olympiahalle. Und obwohl es sich um ihr Abschiedskonzert handelt, greifen die Scorpions nicht nur auf Klassiker zurück: Mit „The Good Die Young“, „Raised on Rock“ oder „The Best is Yet to Come“, Stücke von ihrem gerade veröffentlichten Album, für das die Musiker vor Konzertbeginn im Bauch der Olympiahalle mit Goldplatten geehrt wurden, weil die CD bereits mehr als 100 000 Mal verkauft wurde, zeigt die Band, dass sie noch immer eingängige Nummern schreiben kann. Die Fans nehmen diese so begeistert auf wie die ganz großen Hits – etwa im Zugabenblock „Still Loving You“, das unvermeidliche „Wind of Change“ (bei dem Meine kaum selbst singen muss) und dem knackigen „Rock You Like a Hurricane“.

Bei „Big City Nights“ stehen die beiden Gitarristen Jabs und Schenker einmal mehr breitbeinig vorne an der Rampe. Meine, dieser Schellenkönig des Rockzirkus, tänzelt, windet, schleicht sich an – und springt auf die Oberschenkel seiner Kollegen. Da ist sie endlich, die Pyramide, von der der Sänger im Gespräch vor dem Konzert noch sagte, dass er nicht wisse, ob er sie wagen soll. Jetzt steht sie wie ein Fels aus Leder, Stahlketten und Sonnenbrillen im Gitarren-Gewitter; der Kessel kocht. Dann tigert der 61-jährige Schenker wieder allein federnd an der Bühnenrampe umher, scheint mit dem Hals seiner Flying-V-Gitarre, die aussieht wie sie heißt, die Masse der Fans wie mit einer Kettensäge teilen zu wollen. Das sind sie, die großen Posen der Rock-Musik: pathetisch, bombastisch – und ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Michael Schleicher

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