Scorsese trifft Lola Montez

München - Das Münchner Stadtmuseum am St. Jakobs-Platz, 1888 gegründet, ist eine Schatztruhe, die Überraschendes, Wertvolles und Skurriles enthält. In loser Folge wollen wir die Sammlungen von Fotografie über Möbel und Mode bis zum Puppentheater vorstellen. Anlässe sind das 850. Stadtjubiläum in diesem Jahr und die Wiedereröffnung des derzeit auf Sparflamme agierenden Museums nach der Renovierung: am 6. Juni mit "Typisch München!".

Es war natürlich nur ein Zufall, aber ein bezeichnender: Ausgerechnet im Filmmuseum des Stadtmuseums liefen sich beim letzten Filmfest zwei komplett gegensätzliche Ikonen des Kinos wie Richard Linklater und Werner Herzog über den Weg. Man kann sich in ganz München keinen besseren Ort für eine derartige Begegnung vorstellen als dieses kleine und doch großartige Kino, das sich jenseits aller Moden und Trends dem Zauber des Lichtspiels verschrieben hat.

1963 wurde es als "Filmabteilung des Photo- und Filmmuseums" gegründet und war das erste kommunal betriebene Kino Deutschlands. "Eine Filmstadt wie München braucht ein Filmmuseum - das war 1963 so und ist immer noch so. Eine Filmstadt braucht ein Haus für Filmkunst und Filmgeschichte", so Stefan Drößler, der das Filmmuseum seit 1998 leitet. Anfangs war den lokalen Filmtheaterbetreibern das Kino suspekt, und so setzten sie durch, dass es keine Abendvorstellungen im Filmmuseum gab. Aber das Misstrauen erwies sich als unbegründet. "Das Filmmuseum ist eine Ergänzung des kulturellen Angebots und keine steuerlich subventionierte Konkurrenz", meint Drößler und versichert: "Das Verhältnis zur Branche und insbesondere zu den Kinobetreibern ist sehr gut. Wir arbeiten konstruktiv zusammen." Und das obwohl das Filmmuseum immer auch aktuelle Filme gezeigt hat und zeigt. Aber das sind Filme, die ohnehin nicht für die reguläre Auswertung vorgesehen sind.

Das Filmmuseum kann ein exquisites Programm zusammenstellen, und die Kinos, die es ohnehin schwer haben, müssen sich nicht um ihr Publikum sorgen. Genau wie die kommerziellen Kinobetreiber musste auch das Filmmuseum auf die neuen Herausforderungen wie DVD und Internet reagieren. "Heute immer nur ,Metropolis von Fritz Lang zu zeigen, kann nicht die Hauptaufgabe eines kommunalen Filmmuseums sein. Jeder, der sich dafür interessiert, kann das für wenig Geld in sehr guter Qualität auf DVD bekommen. Als Filmmuseum muss man jetzt andere Wege gehen", so Drößler und meint damit "vergessene Bereiche der Filmgeschichte aufarbeiten".

Das kann mal eine Werkschau von großen Regisseuren wie Luis Buñuel sein oder auch mal eine Reihe über Vampirfilme. "Man kann auch kontroverse oder objektiv schlechte Filme zeigen, wenn sie thematisch sinnvoll zu einem Programm passen", meint Drößler. "Es geht nicht um die Postulierung des korrekten Filmgeschmacks, sondern um das Erschließen der Filmgeschichte."

Rund 30 000 Besucher im Jahr lassen sich darauf ein, und das ist durchaus eine beachtliche Zahl. Als Vergleichswert: Viele deutsche Filmproduktionen können von solchen Zuschauerzahlen nur träumen. Eine Erfolgsgeschichte, die aber einen Schönheitsfehler hat. Auch das Filmmuseum hat unter den Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand zu leiden. Um 30 Prozent ist der Etat in den letzten zehn Jahren gekürzt worden. Drößler beklagt sich nicht, weil das Filmmuseum technisch immer noch "zu den besten Filmmuseen der Welt gehört". Aber auf eine Budget-Erhöhung nach so langen Jahren der Dürre hofft er dennoch. Denn viel Geld fließt in einen Bereich, der von außen oft gar nicht wahrgenommen wird: dem Renovieren von Filmklassikern.

Von vielen Meisterwerken des Films existieren nur wenige halbwegs brauchbare Kopien. Wenn man diese nicht aufkauft und aufwändig renoviert, sind sie für immer verloren. Auch das ist Teil der Arbeit des Filmmuseums. 5000, zum Teil extrem rare Kopien, liegen im Archiv. Nicht zuletzt deswegen genießt das Filmmuseum München international einen exzellenten Ruf. Es geht ja nicht nur darum, außergewöhnliche Werke aufzuführen, sie sollen auch in ansprechender Qualität zu sehen sein. "Richtiges Kino erleben", nennt Drößler das. Um das Archiv und das Programm des Filmmuseums wird München von vielen anderen Städten beneidet. Ebenso um die illustre Liste der hochkarätigen Gäste, die im Laufe der Jahrzehnte den Weg an den St.-Jakobs-Platz 1 gefunden haben. Sophia Loren war da ebenso wie der Eric Rohmer, Aki Kaurismäki, Pennebaker & Hegedus, Peter Ustinov oder Milos Forman.

Zwei besondere Gäste bringen immer noch alle zum Schwärmen. Zum einen Martin Scorsese, der zur Verblüffung aller darum bat, sich den Stummfilmklassiker "Lola Montez" ansehen zu dürfen. Also setzte man ihn an den Schneidetisch und führte die restaurierte Fassung in einer Privatvorstellung auf. Die andere Sternstunde war der unerwartete Besuch von Clint Eastwood, der so begeistert vom Museum war, dass er ihm kostenlos nagelneue Kopien seiner Werke überließ. So etwas kann man sich wirklich nur im Filmmuseum vorstellen - dem vielleicht lebendigsten Haus unter den Münchner Museen.

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