Die Seele aus dem Leib schreien

München - Sweeney Todd, der mörderische Barbier aus London, kann eine beachtliche Historie vorweisen. Vom Schundroman über zahlreiche Verfilmungen bis zur gefeierten Musicalversion von Stephen Sondheim faszinierte die Legende vom Mann, der unbeirrt mit seinem Rasiermesser den Tod von Frau und Tochter rächt. Sondheims "Sweeney Todd" aus dem Jahr 1979 ist bis heute eines der erfolgreichsten Broadway-Musicals.

Tim Burton hat aus "Sweeney Todd" eine großartige, kompromisslose Splatter-Oper gemacht

Dass sich ausgerechnet Regisseur Tim Burton und sein Lieblingsdarsteller Johnny Depp einer weiteren Kinovariation des Themas annahmen, darf als großer Glücksfall gelten. Denn Burton schreibt mit seinem "Sweeney Todd" die Geschichte des Filmmusicals neu. Bisher mutete Gesang im Spielfilm meist unterhaltsam, aber noch öfter allzu süßlich an. Burton, der sich wie kaum ein anderer Regisseur darauf versteht, die dunklen Seiten der menschlichen Psyche zu illustrieren, zeigt von der ersten Minute an, dass Revuenummern auch den düstersten Plot noch trefflich zur Geltung bringen können. Es kommt nur auf die Songtexte und die Größe der Blutlachen zu Füßen der Sänger an.

Sweeney Todd, den Depp mit nie da gewesener Inbrunst verkörpert, war einst ein glücklicher Mann, lebte friedlich mit seiner kleinen Familie. Eine Intrige des hinterhältigen Richters Turpin (Alan Rickman) zwingt ihn zum Frondienst nach Australien. 15 Jahre später, Frau und Kind sind längst in der Gosse verschollen, kehrt Todd zurück, um grausame Rache zu nehmen. Unterstützt wird er dabei von der kannibalischen Fleischpastetenbäckerin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter).

Sondheims Musik, auf der Burtons Schauermär basiert, ist voller ungewöhnlicher Dissonanzen und von einer bezwingenden emotionalen Wucht. Denn die Welt ist nicht wie in anderen Musicals voll von Liebe, sondern voll von Leid und Elend und verzweifelten Menschen. Tanzszenen gibt es folgerichtig so gut wie keine. Kein Glück lässt die Charaktere aufjauchzen vor Wonne, die gequälten Kreaturen schreien sich vielmehr die Seele aus dem Leib.

Burtons London des 19. Jahrhunderts ist das London von Jack the Ripper und Oliver Twist. Eine verderbte, feindselige, nachtschwarze Stadt, in der es keinen Himmel, keine Sonne und keinen Hoffnungsschimmer gibt. So muss die Hölle auf Erden aussehen. Bleiche Gesichter im Mondlicht, harte Schlagschatten - Burton hat in dunkelsten Farben einen Schwarzweißfilm gedreht. Die Häuser stehen dicht aneinandergedrängt und vermitteln den Eindruck klaustrophobischer Enge. Nur ein einziges Mal öffnet sich der Blickwinkel der Kamera, werden die Farben knallig bunt und der Himmel hell.

Doch Mrs. Lovetts Traum von einer heilen Welt, in der sie mit Todd und einem Waisenjungen eine Art Familie bildet, ist so jäh wieder vorbei, wie er eingesetzt hat, und die Finsternis erscheint noch undurchdringlicher als zuvor. Knallhart und präzise fächert Burton in seiner großartigen Splatter-Oper die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auf. Konsequent, kompromisslos - und mit einem überraschend feinen, wie beiläufigen Humor. (In München: Mathäser, Maxx, Münchner Freiheit, Cinema i.O., Museum i.O.)

"Sweeney Todd" mit Johnny Depp

Regie: Tim Burton

Hervorragend

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