Theater, das erfühlt werden muss (v.li.): Marie Seiser, Jürgen Stössinger, Gunther Eckes, Guntram Brattia, Robert Niemann, Dascha Poisel, Arthur Klemt und Wolfram Rupperti. f: michel

Bis die Seele schwingt

München - Eine berührende Reise zu Träumen, Sehnsüchten und Ängsten: Die Uraufführung von „Erpressung“ im Residenztheater.

Ein Geständnis: Pippo Delbonos „Erpressung“ lässt sich mit Worten nur schwer fassen. Denn die theatrale Installation, die am Samstag am Münchner Residenztheater uraufgeführt wurde, zielt so gar nicht auf den Intellekt der Zuschauer. Delbono und seine acht Schauspieler haben es auf unser Herz, ja, unsere Seele abgesehen. Und um an diese heranzukommen, bedienen sie sich eines Tricks.

Genau genommen ist „Erpressung“ eine Mogelpackung, die uns zunächst einmal auf eine falsche Fährte führt, uns in Sicherheit wiegt, weil sie vorgibt, Bekanntes verhandeln zu wollen: Eine Reise nach und durch Italien kündigt der übergutgelaunte Moderator, eine Mischung aus Gottschalk-für-Arme und Animateur im Micky-Maus-Club, an. Doch Italien - Sehnsuchtsland der Deutschen (la dolce vita) und Hort ihrer Albträume (Mafia, Berlusconi) - ist hier nur Metapher. In Wahrheit nehmen Delbono und seine Mannschaft uns mit auf eine Reise in das Innere des Menschen, zu seinen Träumen, Sehnsüchten, Ängsten.

Diese zwei Stunden loten unsere Seele aus. Und mag es noch so pathetisch klingen, ist es doch wahr: Eben jene wird in den besten Momenten berührt, zum Schwingen gebracht. Nur darauf einlassen muss man sich. Man muss dem italienischen Regisseur und seinen Schauspielern den Zugang zu unserem Selbst gestatten. Man muss sich fallen lassen (können) in den Strom der Texte, in die Magie der Bilder und Bewegungen. Auf der dunklen Bühne, die Anneliese Neudecker so gebaut hat, dass sie sich in die Tiefe des Raumes verengt und Trennwände diesen in mehrere Ebenen teilen, beleuchtet Delbono zunächst Machtstrukturen: Kind-Erwachsener, Frau-Mann, Frau-Gesellschaft. Je weiter er in der Folge seinen assoziativen Bilderreigen auffächert, desto tiefer steigt der 52-Jährige in die menschliche Seele hinab, stößt auf Schönes und Hässliches.

Dabei spielt er mit den Emotionen der Zuschauer: Da hat der schrille Moderator gerade unter dem Motto „Theater auf Krankenschein“ um Namen von Personen gebeten, die nerven, und die er stellvertretend für die Zuschauer ganz real auskotzt (bei der Premiere: „Meine Schwiegermutter“, „Berlusconi“, „Wulff“). Dann geht es um die Ängste der Schauspieler, um die Vernichtung der Juden Europas durch die Nazis. Und plötzlich zitiert Dascha Poisel den Industriellen Sven Quandt, dessen Familie in der NS-Zeit durch den Einsatz von Zwangsarbeitern reich wurde: „Wir müssen endlich mal versuchen, das zu vergessen. Es gibt in anderen Ländern ganz ähnliche Dinge, die passiert sind.“ Betroffene Stille, in die wiederum der Moderator platzt: „Was für eine sentimentale Kacke.“ Durch Brüche wie diesen gelingt es, Verhaltensmuster zu zerstören und wahrhaftiges Begreifen zu ermöglichen. Delbonos Theater ist dabei stets vom Körper geprägt: Bewegungen im Raum sind exakt und niemals zufällig, selbst wütendes Gestikulieren wird hier zum tänzerischen Akt. Auch dies trägt bei zur Sogwirkung dieses Abends.

Um esoterischen Pathos zu vermeiden (wie leicht hätte „Erpressung“ abrutschen können!), findet Delbono immer wieder komische Bilder: Da geht es um den Herbst, die „Jahreszeit des Chaos“, und dass es an jedem liege, etwas dagegen zu unternehmen - und sei es nur, zerknittertes Laub mit dem Bügeleisen zu glätten. Nur wenige Bilder sind in „Erpressung“ zu plump geraten, um Magie entfalten zu können: etwa jenes von der Frau, deren Körper gebügelt wird, um die glatte Haut möglichst lang zu bewahren. Währenddessen schlurft ein fetter Mann, Fußball unterm Arm, Kekse mampfend über die Bühne. Die meisten Momente entwickeln jedoch eine schmerzhaft wahre Intensität. Da wird ein Beziehungsgespräch verschnitten mit der Debatte um das NPD-Verbot. Dort wiederholt eine Verkäuferin den immer gleichen Satz an ihre Kunden: bis zum Weinkrampf.

Wer diesen Abend analysierend begreifen will, wird scheitern (müssen). Wer ihn aber erleben und erfühlen will, wer bereit ist, sich vom Geschehen auf der Bühne berühren zu lassen, der wird das Residenztheater bereichert verlassen. Großer Jubel.

Von Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 17., 23., 25. Januar; Telefon 089/ 2185-1940.

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