Wo die Seele sich findet

- "Die Kundry ist ein wildes Tier, das schreit und stöhnt. Sie ist ein Superweib, das mit süßen Tönen Parsifal umschmeichelt. Und sie ist eine Hexe, die ihre wilden Ausbrüche hat." Lioba Brauns Augen funkeln, wenn sie von dieser schillernden Figur schwärmt. Wagners "Parsifal" hat es ihr überhaupt angetan: "Die Erlösungsthematik, die tiefenpsychologisch ausgeleuchteten Formen der Liebe." Bei Wagner, generell in der Spätromantik und ihrer besonderen Sprache fühlt sich die Mezzosopranistin, die morgen bei den Richard-Strauss-Tagen in Garmisch-Partenkirchen als Komponist in der "Ariadne auf Naxos" debütiert, sehr wohl. "Rossini war nie mein Ding", gesteht sie lachend und glaubt, dass die Stimmveranlagung irgendwie auch Ausdruck der Mentalität ist.

<P>Zu Mahler, dessen Symphonien sie mit Maazel und Abbado interpretiert hat, verspürt sie eine große Affinität. "Es ist, als ob ich ihn gekannt hätte." Dabei hat Lioba Brauns musikalische Karriere fern der theatralisch-sinfonischen Welt begonnen: bei der Kirchenmusik. In Würzburg geboren, lebte sie ihre kindliche Kreativität bei Theater- und Blockflötenspiel aus. Hernach ging's ans Klavier und dann zur Orgel. Nach zwei Semestern Pädagogik fand sie schließlich zur Kirchenmusik, bestand ihr A-Examen und wurde mit 24 Jahren Regionalkantorin im Bistum Würzburg. Ein verantwortungsvoller Posten in einer Männerdomäne.<BR><BR>"Ich habe mich durch alle Mütterrollen gesungen"<BR>Lioba Braun</P><P>Obwohl Lioba Braun sich neben der Orgel, "die irgendwie nicht mein Ausdrucksmittel war", noch intensiv mit dem Studium der Chorleitung beschäftigte, Sommerakademien bei Hellmuth Rilling besuchte und sogar ihren eigenen Kammerchor leitete, wurmte sie immer wieder das Gefühl, "meine Empfindungen nicht so ausdrücken zu können, wie ich es wollte". Beim Gesang landete die damals 27-jährige Musikerin eher aus Zufall. Sie begleitete eine Freundin zum Vorsingen bei Charlotte Lehmann in Hannover. Während die Freundin den Rat erhielt, weiter Germanistik zu studieren, war die Lehmann von Lioba Brauns Timbre so angetan, dass sie ihr zur Ausbildung riet. Die absolvierte sie neben der Kirchenmusik und schaffte danach sofort den Sprung auf die Opernbühne: Als Urmutter Erde debütierte sie in Saarbrücken. Über Karlsruhe und die Wiener Volksoper gelangte sie ans Staatstheater Mannheim. "Ich habe mich in den ersten zwei Jahren durch alle Mütter-, Gouvernanten-, Tanten- und Dienerinnenrollen gesungen und hatte schon arge Zweifel, ob das nun das Richtige sei."<BR><BR>Aber dann ging es bergauf: Nach einem Einspringen als Brangäne bei den Bayreuther Festspielen 1994 unter Daniel Barenboim folgten die großen Fachpartien landauf und landab - Mailand, Wien, Zürich, Dresden, Rom, Madrid, Barcelona und wieder Bayreuth. Der schöne Gesang allein genügt der intelligenten Künstlerin nicht: "Unsere Arbeit muss auf unser Gesellschaftssystem reagieren, muss in unsere Zeit passen. Anfangs hatte ich Probleme, weil ich immer glaubte, ich müsste etwas Sinnvolles machen. Schließlich begriff ich, dass eine Gesellschaft ohne Kunst nicht vorstellbar ist. Dass es einen Ort, eben die Kunst, geben muss, wo die Seele sich findet, sich regeneriert und auslebt." Bei aller Emotionalität, die Lioba Braun auf der Bühne ausstrahlt - etwa als eindringliche Waltraute im letzten Bayreuther "Ring" oder als Ortrud mit Sexappeal bei ihrem München-Debüt vor wenigen Wochen -, sie weiß genau, wie wichtig der "Rest-Verstand" ist. "Die Bühne verlangt einen schizophrenen Zustand. Man muss voll in die Emotion einsteigen und doch die Sachlichkeit für das Instrument behalten. Bei zu viel Gefühl zerläuft die Figur auf der Bühne."<BR><BR>Lioba Braun lebt mit ihrem Mann Gernot Rehrl (Manager des Münchner Rundfunkorchesters), "der meine Arbeit sehr unterstützt", und dem 13-jährigen, "lieber Klavier als Fußball spielenden" Sohn vor den Toren Münchens. Und sie ist so uneitel, wirkt so geerdet, dass sie fast aufpassen muss, in der Glamourwelt der Stars nicht zu normal zu sein. Aber genau das macht sie so sympathisch. <BR><BR><BR></P>

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