Seele des Textes

- "Ich finde schön, dass heute junge Musiker mit Pop-Musik aufwachsen und trotzdem ihren Rachmaninow spielen." 1969, als der 22-jährige Konstantin Wecker an die Münchner Musikhochschule geht, gibt es sie noch nicht, die breite musikalische Orientierung, wie er sie jetzt unter Hochschulrektor Siegfried Mauser lobt. "Ich wusste zu dieser Zeit nicht, wohin mit meiner Melodienflut", erinnert sich Wecker, "und die war im Endeffekt in der modernen E-Musik-Komposition nicht machbar". Also quittiert er die Hochschule nach einem Jahr, schreibt sich an der Universität für Philosophie und Psychologie ein, verehrt Georg Kreisler und findet einen Weg, "den so genannten verpönten U-Bereich" mit Literatur zu verbinden.

"Ich muss sagen, auch ich habe in diesen Tagen viel dazugelernt."

Konstantin Wecker

"Heute hätte ich wahrscheinlich weiterstudiert", stellt der 59-jährige Konstantin Wecker fest, während er lässig am Geländer zum Lichthof der Hochschule für Musik und Theater lehnt und raucht. Vor zwei Tagen ist er hierher zurückgekehrt, doch nicht als Schüler mit Melodienflut, sondern als Lehrer mit dreißigjähriger Musikerkarriere. "Songwriting" ist das Thema des dreitägigen Workshops, den Wecker hier für 18 Studenten aus dem ersten bis zehnten Semester der Schul- und Filmmusik wie der klassischen Komposition leitet. Er wird sein Finale in einem Konzert am Donnerstagabend finden. Und Wecker erwägt, den Workshop in einen zweisemestrigen Kurs auszuweiten. "Dann könnte man wirklich 'was intensiv zusammen erarbeiten. Es würde sich lohnen, weil ungeheure Talente dabei sind."

Im Vorfeld zum Workshop sollten die Studenten drei unbekanntere Wecker-Texte vertonen. "Einen davon, ,Novemberlied’, bei dem ich immer schon das Gefühl hatte, der ist mir vielleicht vertonungsmäßig nicht ganz geglückt", gesteht der Komponist. Zudem "Niemand kann die Liebe binden" und "Warum sie geht" - ein Lied von 1981, das Wecker im Gespräch mit nostalgischem Blick rezitiert. Während des Workshops habe er dann versucht, "aufbauende Tipps" zu geben, etwa zu einer passenderen Melodieführung. "Jetzt sind wir soweit, dass wir beim Konzert sieben Versionen eines Textes hören." Und als Krönung: die Vertonung des Gedichtes "Der Krieg" von Georg Heym, das den deutschen Liedermacher immer schon gereizt habe. "Das war eigentlich die spannendste Arbeit: Dass man sieht, wie kann man auch mal gemeinsam an einem Song arbeiten. Es ist ein sehr interessantes, die Grenzen sprengendes Stück draus geworden."

Ist es das, was den "wahren Songwriter" ausmacht: Dass er jede beliebige Zeile vertonen kann? "Ja, das glaube ich", antwortet Wecker und berichtet vergnügt, wie er als 16-Jähriger seinen Sammelband deutscher Gedichte aufs Klavier gestellt und drauflos komponiert habe. Er wolle aber seine Schüler auch noch intensiver - neben dem für das Komponieren sehr wichtigen, interpretierenden Selbst-Singen - zum Selbst-Schreiben bringen. Um die Scheu vor der zuweilen sperrigen deutschen Sprache zu verlieren. "Es ist immer interessanter, von jemandem direkt zu hören, was ihn bewegt", meint Wecker und schwärmt von der Genialität des klassischen Liedguts eines Schubert, Schumann oder Brahms. "Das soll man auch ruhig im Hinterkopf haben, weil es eine Basis ist, auf der man aufbaut."

Gibt es denn so etwas wie eine Seele des Textes, der die Musik entsprechen muss? Wecker: "Ja, finde ich schon, die muss man treffen. Und man muss den Text sehr ernst nehmen. Man darf ihn nicht aus Gründen der eigenen melodischen Verzauberung vergessen." Doch mit was für einem Gefühl sieht ein Lehrer dabei zu, wie seine Schüler an seinen persönlichen Zeilen herumfuhrwerken und womöglich ganze Stimmungen verschieben? "Wenn so 'was passieren würde und es würde dann auch noch ein Nummer-Eins-Hit werden, dann wäre ich erschrocken!", lacht Wecker. Und ernster: "Ich bin sehr offen dafür, was sie anbieten. Da gab es zwei sehr poppige Versionen - wie ich das Lied nie angegangen wäre. Doch dann habe ich mir das noch mal angehört und mir gedacht: Na, eigentlich ist es ganz toll, wie sie's machen, warum nicht? - Ich muss sagen, auch ich habe in diesen Tagen wirklich viel dazugelernt."

Konzert am 6. Juli, 20 Uhr, Arcisstraße 12. Tel.: 089/ 28 92 74 42;

www.musikhochschule-muenchen.de

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