Die Seele weint

- Hat der Verdi-Streik jetzt auch das Salzburger Festspielhaus erreicht? Im ersten Moment, als der verirrte Golaud die zarte Mélisande an der Rampe aufliest, scheint es so. Doch als zum Szenenwechsel ein Dutzend Bühnenarbeiter auftauchen und die großen grauen, auf der Breitwandbühne verteilten Schachteln heftig drehen und schieben, ist jeglicher Verdacht ausgeräumt: Das Rampentheater ist Absicht und keine konzertante Streikfassung für die Osterfestspiele.

Regisseur Stanislas Nordey tritt bei seinem Salzburger Debüt mit Claude Debussys Oper "Pellé´as et Mé´lisande" quasi die Flucht nach vorn an. Er "treibt" die Sänger Simon Rattle förmlich in die Arme, wo sie natürlich bestens aufgehoben sind: Nah bei ihm und nahm am Klanggeschehen, das er den fabelhaften Berliner Philharmonikern entlockt.

Simon Rattles sanfte Spannung

Debussys 1902 uraufgeführte Anti-Wagner-Oper, die dennoch dezente Spuren des Magiers trägt, folgt ihrem eigenen Prinzip: Alles fließt. Wunderbar, wie Rattle diese Musik sich permanent und subtil verwandeln lässt. Wie sie gleich einem edlen Seidenfutteral schimmert, das die Stimmen bettet. Trotz äußerster, auch dynamischer Zurückhaltung - erst gegen Ende, in den wenigen dramatischen Zuspitzungen, wagt Rattle sich aus der Mezzoforte-Deckung - hält er eine sanfte Spannung, die sich punktuell verdichtet und sogar nicht löst, wenn das Orchester schweigt. Er deckt dabei die changierende Nuancenvielfalt auf: im matten Glanz der tiefen, dem seidigen der hohen Streicher, im wunderbar abgemischten Holz, den zarten Harfenklängen, den nie dröhnenden Blechbläsern.

Und so gelingen ihm mit dem Regieteam und dem ausgezeichneten Sängerensemble immer wieder Momente, in denen die Poesie, der Zauber, das Geheimnis - alles das, was Debussy an Maeterlincks symbolistischer Vorlage reizte - den Zuschauer bannen. Auch die Augenblicke, in denen "die Seele weint", bis hin zum sanften Tod Mé´lisandes, den das Orchester so ergreifend mitstirbt.

Obwohl Liebe, Verrat, Eifersucht wie in jeder guten Oper auch hier der Motor des Geschehens sind, dominiert die Innenschau, die den Regisseur im Statischen und in langsamen Bewegungen Zu-flucht nehmen lässt. Auch wenn Nordeys Inszenierung dabei nicht jene Magie erreicht, mit der Robert Wilson vor einigen Jahren bei den Sommerfestspielen fesselte, bietet sie mit klaren, stimmigen Chiffren eine Alternative zum Symbolistischen.

Jeweils eine der grauen Schachteln wird, zentral postiert und aufgeklappt, zum dreiteiligen Schaufenster, das den Sängern optisch wie akustisch Rückendeckung gibt. Bühnenbildner Emmanuel Clolus bestückt sie mit Golauds Brief, mit weißen Blumen, mit Blindenschrift-ähnlichen Buchstaben "Pelléas - Mélisande" (beim mentalen Ehebruch am Blindenbrunnen), mit weißen, blutbefleckten Kopfkissen (Golauds Sturz), mit Mélisandes rotem Gewand. Erst im vierten Akt weitet sich die Bühne mit blutroten, schwarz schraffierten Hängern. Der Verzicht auf realistische Versatzstücke (Brunnen, Mauer, Fenster) passt, wäre konsequent, wenn nicht der Orchestergraben dann doch zum platten Ersatz-Brunnen würde, in dem Mé´lisande zwischen Kontrabässen herumfischt.

Die Rampenbespielung (in ganzer Breite) bewahrt die Sänger vor jeglichem Forcieren, lässt sie Debussys leichten, unopernhaften Parlando-Ton bestens durchhalten. Die von der Regie verordnete Sta-tik wird durch die stilisierten, steifen, aufgeplusterten Weiß-Clown-Kostüme (Raoul Fernandez) sämtlicher Hof-Angehöriger noch verstärkt.

Nur Mé´lisande, von Angelika Kirchschlager sehr zart und mädchenhaft gesungen und gespielt, trägt ein schlichtes rotes Kleid. In ihrem Bann taut der mit edelstem Bariton betörende Simon Keenlyside als Pellé´as auf und genießt kurz jene Sonne, von der König Arkel (ausdrucksvoll: Robert Lloyd) und das Orchester künden.

Staunen macht José´ van Dam, der, Relikt aus längst vergangenen Karajan-Zeiten, für den erkrankten Gerald Finley einspringt und seinen Golaud mit gesanglicher Noblesse, Souveränität und bestem Französisch ausstattet. Peu à peu lässt sich das Publikum für Debussy erwärmen, feiert am Schluss Dirigent, Orchester, Sänger und Regiecrew und hofft vermutlich doch im Stillen auf mehr Ac-tion bei Wagners "Ring", Ostern 2007-2010.

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