In der Seelenpension

- Wie schafft er es nur, sich so tief in den kleinen Jungen hineinzudenken, der er einmal war? Indem er es ein Stück weit noch heute ist? Vielleicht. Vielleicht ist es auch seine erstaunliche Anziehungskraft für die Dibbuks, die jüdischen Geister der Toten, die in lebendige Menschen fahren.

"Ich bin seit frühester Kindheit bewohnt von Dibbuks", schreibt Luc Bondy, "nicht nur von toten Seelen, mehr noch von lebenden". So gibt er nach zwei Dritteln seines autobiografischen Erzählbandes "Meine Dibbuks" auf einmal eine Erklärung für das wunderbare Talent, Figuren seiner Vergangenheit wieder mit Leben zu erfüllen: Den elfjährigen Internatsschüler Luc begleitet er gleichermaßen mit den offenen Augen des Kindes von einst wie mit dem humorvollen Blick des Erwachsenen von heute. Über "die Droge" Marcel Proust berichtet er im gleichen vertrauten Tonfall wie über den Literatur liebenden Vater. Die geretteten wie verlorenen Freundschaften seines Lebens rekapituliert er leicht wie vom Wind geblätterte Buchseiten.

Seine Leidenschaft weckte schon früh das Theater - der absurde Dramatiker Eugè`ne Ionesco wurde der erste Gast in seiner "Seelenpension". Mit "Meine Dibbuks", kurzweiligen Prosaszenen, beweist Bondy, der Regisseur, schon zum dritten, ungemein unterhaltsamen Mal, dass er auch Bondy, der Schriftsteller, ist.

"Verbesserte Träume" lautet der Untertitel der Sammlung. Denn trotz der Dibbuks ist Bondys Erinnerung oft nur dunkel, und nacherzählt kann die Vergangenheit schnell zur Traumwelt avancieren. Ein schöner Traum: In diesem Niemandsland des Autobiografen folgt die Sentimentalität unmittelbar auf die Selbstironie, die Krankheit gibt der Unbekümmertheit die Hand. Bondys dichte, lustvoll poetische Berichte verneigen sich dabei bescheiden vor den merkwürdigen Begebenheiten des (künstlerischen) Alltags.

Luc Bondy: "Meine Dibbuks. Verbesserte Träume". Zsolnay Verlag, Wien, 192 Seiten; 19,90 Euro. Bondy liest an diesem Sonntag, 18 Uhr, im Münchner Literaturhaus. Karten: 089/ 2 80 01 35.

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