Das ist wie Seelenstriptease

- Gestern der Bayerische Verdienstorden. Morgen der Merkur-Theaterpreis. Dazwischen ein Kinderkonzert in Wildbad Kreuth. Einst Goethes Gretchen, heute Shakespeares Isabella in "Maß für Maß" und Tschechows Jelena in "Onkel Wanja". Rollen, die die Stücke tragen, und eine Schauspielerin, die in ihrer Einzigartigkeit die Inszenierungen prägt: Sunnyi Melles, Ensemblemitglied ehemals der Münchner Kammerspiele, heute des Residenztheaters.

<P>Der Merkur-Theaterpreis ist eine Auszeichnung, die die Leser unserer Zeitung, die auch Ihr Publikum sind, vergeben. Was bedeutet Ihnen das?<BR><BR>Melles: Ich habe mich wahnsinnig darüber gefreut. Es ist eine der ehrlichsten Auszeichnungen, die es gibt, wenn Menschen sich die Mühe machen, extra deswegen an die Zeitung eine Postkarte zu schreiben. Diese Achtung, die sie mir damit entgegen bringen, macht mich sehr stolz. Das ist eine tolle, von Herzen kommende Geste.<BR><BR>Haben Sie eine konkrete Vorstellung vom Publikum?<BR><BR>Melles: Im Einzelnen kenne ich die Zuschauer natürlich nicht. Aber als Ganzes, als Publikum durchaus. Auf der Bühne spüre ich die Menschen, die unten sitzen. Ein Zustand, der mich sehr erfüllt, der aber auch ein bisschen so etwas wie Seelenstriptease ist. Nach so vielen Münchner Jahren habe ich mir wohl einen Bonus erarbeitet, dafür bin ich sehr dankbar. Dennoch: Ich muss das Publikum immer wieder neu erobern und versuchen, es nicht zu enttäuschen.<BR><BR>Wie viele Preise haben Sie schon bekommen?<BR><BR>Melles: Ach, gar nicht viele, aber sehr schöne. Die Goethe'schen Satyr-Knöpfe, die Martin Benrath kurz vor seinem Tod weitergegeben hat; den Chaplin-Schuh; eine Oscar-Nominierung; einen Preis von "Theater heute" und vor Jahren den Förderpreis des Bayerischen Staates. Aber all diese Auszeichnungen gebühren nicht allein mir, sondern auch meinen Eltern, die gestorben sind, vor allem meiner Mutter, der ich so viel zu verdanken habe.<BR><BR>Die Jelena in "Onkel Wanja", für die Sie das Publikum mit dem Merkur-Theaterpreis auszeichnet, war Ihre erste Tschechow-Rolle. Der hat ja noch allerhand andere tolle Weiber geschrieben. Haben Sie Lust auf mehr?<BR><BR>Melles: Appetit habe ich immer. Ich bewundere Tschechows unglaublichen Humor und seine große Liebe zu jeder seiner Stückfiguren. Das ist wie Shakespeare. Man stößt bei diesen Rollen immer wieder auf Dinge, die man insgeheim von sich selbst kennt; Abgründe, erschreckend, bis zum untersten Niveau. Und es ist ein Trost zu wissen: Man ist nicht allein auf der Welt mit seinen negativen Seiten. Aber genauso wenig mit den positiven.<BR><BR>Sie haben zwei Kinder, einen Buben und ein Mädchen. Haben die Sie schon einmal auf der Bühne gesehen?<BR><BR>Melles: Ja, aber nur in den Kinderkonzerten, die ich zusammen mit Christoph Poppen und dem Kammerorchester gebe; in den Märchen, die ich lese. Obwohl sie alles hinter der Bühne kennen, eine richtige, durchgehende Vorstellung mit mir haben sie noch nicht mitgemacht. Vielleicht ist das auch ein Schutz meinerseits, damit sie mich nicht weinen sehen. Ich empfinde da so etwas wie Scham, mich meinen Kindern derart auszusetzen.<BR><BR>Wären Sie gerne mit dabei, wenn zum Beispiel das Residenztheater, wie es das ehrwürdige Wiener Burgtheater im vergangenen Jahr tat, ein so genanntes Weihnachtsstück, etwa "Hänsel und Gretel", auf den Spielplan setzen würde?<BR><BR>Melles: Ja, sofort. Ich liebe jedes Märchen für Kinder. Jetzt mache ich zum Beispiel "Das tapfere Schneiderlein" und den "Karneval der Tiere". Das bereitet mir einen solchen Spaß. Wenn ich die vielen Kinder unten sitzen sehe - das habe ich so gerne, das erfüllt mich sehr.<BR><BR>Welche Rolle spielt für Sie der Beifall nach einer Vorstellung?<BR><BR>Melles: Es ist eine der wichtigsten Sachen für mich rauszugehen, mich zu stellen. Wenn ich mich freilich auch immer dabei ein bisschen geniere, plötzlich so privat vor den Leuten zu stehen, nicht als Jelena, nicht als Isabella, sondern einfach nur als Sunnyi. Aber irgendwie geht mir dabei das Herz auf. Denn das ist fast der intimste Moment des Abends und der schönste. Wie stark der Beifall ausfällt, ist dabei zweitrangig. Die Callas hat einmal gesagt: Auch wenn man Radieschen vor die Füße geworfen bekommt, hebt man sie auf wie eine Blume.<BR></P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz<BR></P>

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