Seelentrost im Zauberreich

- Der Schlüssel zu allem liegt letztlich in Ruggieros Arie. Gegen Ende des zweiten Akts nimmt er Abschied von "verdi prati, selve almene" und prophezeit, dass die grünen Wiesen, die lieblichen Wälder ihre Schönheit verlieren und in Schreckliches verwandelt werden. Vesselina Kasarovas verhaltener Trauerton ist dabei so herzzerreißend, dass sich die Zuhörer im Prinzregententheater mit Ruggiero zurückwünschen. Zurück in Alcinas Wunderreich fern aller sozialer Fesseln, aller Kriege, fern auch, das ist ja das Pikante an diesem Stück, aller früheren Bindungen.

Denn wie es ohne Alcinas Kraft aussieht, ist bei Regisseur Christof Loy und Ausstatter Herbert Murauer im dritten Akt zu sehen, wo nur noch die Seitenwände eines einst schönen Raums in die Ödnis ragen, wo Krieger mit Gewehren  fuchteln und eine Explosion mit großem Krawumm dem Zauber ein Ende bereitet. Ist das Reich der Magierin also Seelentrost oder doch nur Blendwerk? Händel lässt das in "Alcina" offen, wo nicht mehr, wie einst im "Rinaldo", eine Zauberin Koloraturen faucht, sondern eine verletzliche und verletzte Frau im Zentrum steht.Der kleine Unterschied ist gar nicht mehr wichtigDas ist fast schon Mozart, nicht mehr Barock. Und Loy zeigt das mit einem solchen Wissen um Gefühle und Beweggründe, so uneitel und ergreifend in seiner Glaubhaftigkeit, dass man sich eine andere Inszenierung des Stücks gar nicht mehr vorstellen mag. Dass dieser Regisseur der Münchner Opernsaison das Glanzlicht aufsteckt, ist schon zweimal passiert, mit Händels "Saul" und Donizettis "Roberto Devereux". Die Festspiel-Premiere von "Alcina" setzt die Reihe nun fort.Zwei Zeitalter berühren sich hier: Alcinas Reich als Widerhall des höfischen Barock, in das Bradamante und ihr Vertrauter Melisso als Buschkämpfer des 20. Jahrhunderts eindringen. Auf wundersame Art kommt es nicht zur Konfrontation, sondern zum Abtasten, zum Interesse am anderen Herkunftskreis, das in heimliche oder beherzte Liebe mündet. Ruggiero hat das längst erfahren, pflegt er doch mit seiner angebeteten Alcina die ebenso posierende wie prickelnde Minne des 18. Jahrhunderts.Loy wagt das Schwerste - und gewinnt: Alle Karten legt er offen, versteckt sich nicht hinter dem "Einfall", zeigt vielmehr in präziser Gestik pure Emotion und Erotik. Beziehungen lösen sich auf, neue entspinnen sich, Geschlechterrollen werden aufgeweicht, wie überhaupt der kleine Unterschied (bei all den Hosenrollen!) gar nicht mehr so wichtig ist. Spürbar wird, und das ist nicht alltäglich, dass dieser Regisseur Stück und Figuren hingebungsvoll liebt - und uns schließlich auch dazu bringt.Herbert Murauer hat dafür eine wunderbare Szenerie gebaut, die Reinhard Traub in ein subtil wechselndes Licht taucht. Anfangs ein leer geräumter Museumssaal, in den eine Ideallandschaft projiziert wird, in dem auch ein geheimnisvoller zweiter Raum steht: ein kulturhistorisches Kabinett, hinter dem sich die Tür zum roten Salon öffnet. Doch nichts mehr bleibt davon übrig, alles wird zerstört, auf dass die nun Ernüchterten einen neuen Anfang suchen.Die Vielschichtigkeit dieser Aufführung offenbart sich in jeder einzelnen Figur: Die phänomenale, ausstrahlungsstarke Anja Harteros ist als Alcina ganz höfische Anmut, auch die Kokette, gegen Ende eine energisch stöckelnde Agentin. Und auch stimmlich changiert die Harteros zwischen dem hohen, dramatischen Tragödienton und einer reduzierten, geschmeidigen Barockvokalität, am berührendsten im "A mio cor".Ivor Boltons vitale und lustvolle InterpretationIn wahre Nuancen- und Schattierungswunder verwandelt Vesselina Kasarova (Ruggiero) ihre Arien, singt dabei mit einer sehr aparten, herben Timbrierung. Jede Verzierung, jede Phrasierung, jede Pause ist bei ihr aus dem dramatischen Moment heraus motiviert. Und ist ihr Ruggiero zunächst noch den Reizen Alcinas verfallen, so siegt bald die Selbstsucht des soldatischen Machos (bei der Kasarova ein virtuos-komisches Kabinettstück), die ihn in die Gegenwart zurückkatapultiert: Liebe? "Mich lockt der Ruhm." Eine Entdeckung: Sonia Prina als Bradamante, eine intensiv gestaltende, passend burschikos auftretende Solistin, die der Kasarova fast den Rang als Mezzo Nr. 1 streitig machte.Kein einzige Schwäche im Ensemble, auch das sichert dieser Produktion Ausnahmerang. John Mark Ainsley, darstellerisch ein schmieriger Oronte, singt mit schier entwaffnender Mühelosigkeit und Stilsicherheit. Deborah York (Oberto) und Christopher Purves (Melisso) fallen in den bei Loy ohnehin nur angeblichen Nebenrollen kaum hinter die Hauptpaare zurück, Veronica Cangemi ist als Morgana kein Kammerkätzchen, sondern eine wissende Frau, findet nach anfänglichen Schärfen zu ausgeglichenerer Stimmgebung.Dem empfindsamen Gestus von Händels Partitur begegnet Ivor Bolton mit einer sehr vitalen, lustvollen Klanglichkeit. Erstaunlich, welchen Farben- und Affektreichtum die Musiker des Staatsorchesters der Partitur entlocken, vielleicht manchmal sogar, wenn etwa die Kasarova auf Piano-Kultur besteht, übers Ziel hinausschießen. Bolton lässt den großen Lamenti Raum zum Atmen und bringt die (seltenen) Virtuosennummern zum Swingen. Schade nur, dass Beate Vollacks etwas vordergründige Choreographien einen Fremdkörper in Christof Loys Ästhetik bilden. Großer Jubel eines oft atemlos lauschenden Publikums: Und jetzt? Addio, Opern-Glück und Rückkehr zu Münchner Alltagskost? So pessimistisch wie Ruggiero muss man ja nicht gleich gelaunt sein . . .

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