Ausstellung in Kochel 

"Duett" zwischen Franz Marc und Per Kirkeby

Kochel - Das Franz Marc Museum in Kochel am See lädt mit Druckgrafiken zum „Duett“ zwischen Hausherr und Per Kirkeby.

Als Bayern, als Münchner haben wir schon viele Werke von Franz Marc gesehen, erfühlt, bestaunt – man denke nur an die von Besuchern überrannte Ausstellung 2005 im Lenbachhaus. Und doch überrascht er wieder. Plötzlich springt einen aus einer Vielzahl von wunderbaren Blättern diese eine unglaubliche Mega-Kraft an: „Reitschule nach Ridinger“ (1913) ist jetzt in der neuen Schau „Strukturen der Natur – Franz Marc und Per Kirkeby“ zu sehen. Das Franz Marc Museum in Kochel am See bietet dabei das fast komplette druckgrafische Schaffen des Bayern (1880-1916). Darüber hinaus Grafiken des Dänen Per Kirkeby, Jahrgang 1938.

„Während der Beschäftigung mit den Marc-Blättern begegneten mir diese Werke von Kirkeby“, erklärt Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy das Duo. Die Monotypien des Nordeuropäers schienen ihr in ihrer intensiven Struktur bestens zu Marcs Natursicht zu passen. „Es gefällt mir immer mehr, zwei Künstler so zu kontrastieren“, sagt die Kunsthistorikerin. „So entstehen ganz neue Perspektiven auf die Werke.“

Kirkeby lässt man als Gast im Hause Marc den Vortritt: Seine Monotypien (ein einziger Druck) sind übermannshoch und schmal. Schon beim Hereinkommen spürt der Besucher trotz der ungegenständlichen Darstellungen die Dynamik der Bewegung von Erde, Wasser und Wachstum. Zugleich zeigt uns der Däne, der auch bildhauerisch arbeitet, die Dynamik des Farbflusses und der Hand-Arm-Pinselbewegung. Malen wird gewissermaßen zur Natur. Seine Bilder strahlen die unbändige Freiheit aus, die sich die Malerei im Laufe des 20. Jahrhunderts erobert hatte.

Franz Marc konnte damit noch nicht arbeiten. Er gehörte zu den Pionieren, die diese Freiheit erst erkämpfen mussten. Darum ist es besonders schön und sinnvoll, dass in der Ausstellung auch abstrakte Kompositionen von ihm zu sehen sind, entstanden kurz vor dem Ersten Weltkrieg, der ihm den Tod bringen sollte. Sein druckgrafisches Œuvre – was fehlte, konnte durch Leihgaben der Staatlichen Graphischen Sammlung München ergänzt werden – erzählt spannend von der künstlerischen Entwicklung des Münchners, der sich später mit seiner Frau Maria in Sindelsdorf nahe Kochel ansiedelte. Zunächst gibt es noch die traditionell aufgefassten „Rehe im Walde“ (1907/08), eine Lithografie von einem Meter Breite. Auch die Viecherl von Schwein bis Gams sind ebenfalls naturgetreu.

Viele der kleinen Holzschnitte sind hingegen schon geprägt von der Eleganz und raffinierten Flächen-Setzung des Jugendstils und des japanischen Holzschnitts. Wir genießen die Ergebnisse – selbst bei oft gesehenen Blättern. Und wir staunen bei dem erwähnten Druck „Reitschule nach Ridinger“, auf dem der Reiter und die Pferde in eine unvergleichliche Kraft-Explosion komponiert sind. Marc hat das Unmögliche geschafft: Er versöhnt die ruhige Kompaktheit des Holzschnitts mit dem wilden Aufbäumen der Tier-Mensch-Gruppe, die einen eigentlich in ein Kampfgetümmel zwischen Ritterturnier und Rodeo versetzt. Noch mehr staunt der Betrachter freilich, wenn er die passenden Druckstöcke sieht. Erst da wird klar, wie kompliziert es sein muss, derart vertrackte Bild-Wirbel – seitenverkehrt! – ins Holz zu schneiden. Dabei spielte Franz Marc virtuos mit prismatischer Kantigkeit und einem weichen Sich-ineinanderschmiegen. So bei der erdigen, verspielten „Hirtin“, die das beneidenswerte Glücksgefühl des vertrauensvollen Schlafens verkörpert. Eine Seligkeit zwischen Paradies und Bukolik: etwas, was Marc, der mit Wassily Kandinsky den „Blauen Reiter“ gegründet hatte, in der Natur verborgen glaubte.

Das umkreisen ebenfalls Blätter wie „Geburt der Pferde“ oder „Schöpfungsgeschichte II“ (1913, 1914), bei denen sich aus einem Weltenwirbel die Tiere erheben. Mag hier Symbolisches mitschwingen, was Per Kirkeby an der malerischen Oberfläche ja gar nicht hat, so verbindet beide doch das untergründige Sehnen nach Erlösung durch die Natur.

10. März bis 2. Juni

Di.-So. ab 10 Uhr, Tel. 08851/92 48 817; Katalogheft: 16,50 Euro. Franz-Marc-Park, Parkplatz an der Kesselbergstraße.

Von Simone Dattenberger

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