Sehnsucht nach dem Fremden

München - Die Münchner Hypo-Kunsthalle hat schon länger die Ausstellung „Orientalismus in Europa - Von Delacroix bis Kandinsky" geplant.

Aber dass sie jetzt herauskommt, quasi als Widerlegung von Sarrazins umstrittenen Thesen über Menschen und ihre Kulturen, war da nicht zu ahnen - und ist nun umso wertvoller. Beim Blick auf Fremdes ist auf Künstler am meisten Verlass. Sie sind offen, lernbegierig und zaubern sogar in Klischees eine Brise Freiheit. Was für Mozart und Goethe galt, zählte auch für Verdi, Flaubert und insbesondere für die bildenden Künstler. Beduinen, geheimnisvolle Frauen, extreme Landschaften, wilde Tiere, erstaunliche Architektur und andere Sitten lösten nicht nur dokumentarisches Interesse aus, sondern ein Gewitter von Träumen und Männerfantasien.

Im Eingangskabinett lockt neben dem exotischen Land da schon das Weib, mal freundlich als türkisch verkleidete Europäerin, mal als Femme fatale. Théodor Rivièrs Statuette der eisigen Frau mit dem verzweifelt niedergesunkenen Liebhaber „illustriert“ direkt Gustave Flauberts Roman „Salammbô“.

Kurator Roger Diederen macht im ersten Hauptsaal klar, was die Begeisterung für Nordafrika und Kleinasien auslöste: Napoleon Bonapartes Ägyptenfeldzug (1798 bis 1801). Klugerweise hatte der Eroberer Soldaten sowie 167 Künstler und Gelehrte mitgenommen. So können wir Kampf, Sieg und Gnade der Franzosen propagandistisch umgesetzt bewundern, aber auch beobachten, wie die Maler der Faszination dieser neuen Welt erliegen. Der alte Araber, die noch viel älteren gigantischen Ruinen aus der Pharaonenzeit und die wohl nur durch den Künstlerwunsch nackten Landmädchen treten in den Vordergrund. Die Ägyptomanie kam ins Rollen. Die Wiege des Abendlandes stand nun weder in Griechenland noch Rom, sie stand im alten Ägypten. Kleopatra wurde die Königin einer Traumwelt, die Künstler wie Hans Makart ihren Mitbürgern „ausmalten“. Dramatisch inszenierte er ihren Tod (1874-1876). Und so wie er ihr Schlafgemach schwül und üppig ausstattete, sahen bald viele Zimmer in Europa aus. Dem folgte ein Kunsthandwerker und baute den Hathor-Tempel als Schrank nach.

Die Maler damals leisteten das, was heute das Kino bietet. Man gibt seinen Kunden einen Reise-, Traum-, Sehnsuchts- oder Sex-Ersatz. Je nach Wunsch. Bei den Salonmalern ist es nicht geniale Kunst, aber meist eine höchst niveauvolle. Hier die kleine Genre-Szene im Basar beim Pantoffelhändler, der gerade wegen ein paar Schlappen feilscht; dort die rothaarige Schöne im Harem, die die Zeit mit einem Joint vertrödelt; oder wieder anders: die rasende Jagd, ein Knäuel von Leibern - Menschen, Pferde, Raubtiere. Die Schau versucht, all diesen Verzweigungen gerecht zu werden. Großartige Kunst geht dabei etwas unter: wie etwa Eugène Delacroix’ „Tod des Sardanapal“ (kleine Vorstudie) oder Ingres kleine „Badende“ (Rückenakt), die in seinem „Türkischen Bad“ genauso auftaucht. Solche hochberühmte Signalwerke werden ohnehin nicht in der Kunsthalle gezeigt. Man erzählt dort mit einem breiten Panorama - von der ethnologisch korrekten Büste bis zur Thriller-Szene des Frauenraubs - über eine Mode. Diese öffnete jedoch Herzen und Sinne für die anderen Kulturen - einerseits, unterstützte andererseits auch den Kolonialismus.

Am deutlichsten wird in der Ausstellung allerdings, dass die Künstler einfach die neuen Möglichkeiten genossen. Gleißend und tausendfach präziser als das höchstauflösende Foto zeigt uns Gustav Bauernfeind 1882 „Die Ruinen des Tempels von Baalbek“. Von der Gnadenlosigkeit der Natur und ihrer Beherrschung durch die Beduinen erzählt James Tissot in der „Reise der Könige“ mit Schlenker zur Bibel. Und die Klassische Moderne von Renoir bis Kandinsky - kleiner Anhang der Schau - lässt sich ein wenig später von Farbe und Licht des Orients genussvoll überfluten.

Simone Dattenberger

Bis 1. Mai; Telefon: 089/ 22 44 12; Katalog (Hirmer): 22 Euro.

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