Sehnsucht nach der starken Hand

München - Reizvoll für historisch Interessierte: Das Dschingis-Khan-Epos nach der "Geheimen Geschichte der Mongolen".

Da reitet er über die Steppe, reitet und reitet und schaut gar entschlossen drein. Er weiß noch nicht, dass er einmal Dschingis Khan sein wird, noch heißt er Temudgin. Im Sommer 1172 ist er ein Junge und zusammen mit seinem Vater, einem Khan der mongolischen Nomaden, auf der Suche nach einer Frau. Schon auf dem Rückweg wird der Vater von einem Rivalen ermordet, Temudgin selbst versklavt. Als ihm endlich die Flucht gelingt, ist die Frau entführt. Er steht vor dem Nichts: ein armer Nomade im schier endlosen, gelben Meer der Steppe.

"Der Mongole" erzählt, wie der unbekannte Hirtensohn zum ebenso legendären wie gefürchteten Dschingis Khan (1155 oder 1162-1227), Herrscher der Mongolen, aufstieg. Der Film, Auftakt einer Trilogie, zeigt zunächst die Leiden eines Kindes in einer Welt, in der Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung, Hunger und Stürme an der Tagesordnung sind. Doch allmählich vereint Temudgin (Tadanobu Asano) die Stämme, ändert Gewohnheiten und Bräuche, macht aus den Mongolen eine effektive Kampfmaschine im Krieg aller gegen alle und legt zugleich den Grundstein zu einer Art modernem Staat: Die Mongolen erhalten eine gemeinsame Rechtsordnung und eine einheitliche Sprache.

Der russische Regisseur Sergei Bodrov ("Nomad"), der auch das Drehbuch schrieb, erzählt detailliert, geradeaus und gewissermaßen altmodisch: klassisches Breitwand-Kino im visuellen Stil der Monumental-Epen der späten 50er, frühen 60er, in seinen besten Momenten an David Leans "Lawrence von Arabien" erinnernd, in den schwächeren eher an "Winnetou" aus Deutschland.

Trotz großartiger (und blutiger) Schlachtszenen ist alles etwas weniger actionreich, als die Werbung suggeriert, mitunter sogar langatmig und betont bedeutsam. Reizvoll für historisch Interessierte ist, dass sich Bodrov in vielem genau an jene "Geheime Geschichte der Mongolen" hält, die kurz nach Dschingis Khans Tod entstand und bis heute die wichtigste Quelle über dessen Leben ist.

"Der Mongole" ist widersprüchlich: eine um Faktentreue bemühte Rekonstruktion einer kaum bekannten Epoche, die mitunter poetische Kraft entfaltet und den oft zum primitiven Schlächter stilisierten Dschingis Khan als differenzierte historische Figur ernstnimmt. Zum anderen einseitige politische Mythologie, eine von Pathos triefende Idealisierung der Geschichte, ein "Braveheart" des Ostens. Da merkt man dann, dass "Der Mongole" aus dem heutigen Russland kommt: Bombast und Schauwerte paaren sich mit der uneingestandenen Sehnsucht nach einem weisen Führer mit starker Hand. (In München: Mathäser, Leopold, City, Cinema OV.)

"Der Mongole"

mit Tadanobu Asano

Regie: Sergei Bodrov

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