Sehnsucht nach dem Verschwinden der Angst

- Das Buch ist vom Ende her zu verstehen, von seiner letzten Seite, über die versöhnliche Melancholie dieser vorletzten Sätze: "Ein Abend im Juni, der Himmel ist rosablau, Sie gehen die Straße entlang, Ihre Straße, Sie gehen in Freiheit, auch wenn es eine dürftige, unbefriedigende Freiheit ist. Die Leuchtreklamen flackern, da sind die Häuser. Das ist das Leben, und es steht Ihnen zur Gänze zur Verfügung. Sie haben niemals jemanden gezwungen oder ihn im Namen dummer, demütigender Werte verachtet. Sie leben . . . und niemand kann Ihnen das nehmen." Trotz unzähliger Gläser harten Alkohols, die zuvor an nächtlichen Küchentischen, an den Tresen irgendwelcher After-Clubs oder auf wechselnden Bett- und Bürotischkanten heruntergekippt wurden, schmeckt der Schluss nicht nach kaputtem Magen und saurer Luft.

<P>Wer spricht? Das schwarze Schaf, das für die psychodynamische Balance der Groß-Familie so unentbehrlich ist. Sein Losertum ist das Podest ihrer unumstößlichen Werte. Pierre Mérot nennt seinen Anti-Helden schlicht "Onkel". Vierzig Jahre, geschieden, kein Kind, keine Leberzirrhose und eine Dreißig-Quadratmeter-Wohnung. Seine Stärke ist der durchdringende Blick, seine Schwäche die mangelnde Begabung zum Selbstbetrug, sein Charme der akute Ersatz-Glaube an einen Gott der Cornflakes. Seine Röntgenaugen stellen alles auf scharf: den zynischen Kapitalismus des Kulturbetriebs, den Geborgenheits-Terror der bürgerlichen Familie, das auslaufende Zärtlichkeitsabonnement der Ehe, seine wild-verzweifelte Liebe zu geschiedenen Frauen und die große, zahme Sehnsucht nach dem Verschwinden der Angst.</P><P>Mérot hat seine Lektionen gleichzeitig in der Literatur und im Leben gelernt. Er dürfte sich vor allem in den Büchern von Richard Sennett und Charles Bukowski gut auskennen. In seinem Stil addieren sich Reflexion und Exzess zu einer heiteren, hellsichtigen Selbstironie mit leichtem Neigungswinkel in Richtung Melancholie. Sein "Onkel" ist das Gegenbild zum Prototyp der New Economy, dem flexiblen Menschen, der sich bereitwillig den wechselnden Anforderungen der Ökonomie unterwirft, um am Monatsende seiner inneren Stimme ein effizientes Schweigegeld überweisen zu können. Dieser "Onkel" gehört zu jener Spezies, die ihre letzte Abfindungssumme aufbrauchen, um ihre Zeche zu bezahlen, und danach chronisch knietief im Dispo stecken.</P><P>Ein paar rosa Wolken vor einem Himmel aus schwarzem Humor</P><P>Das Buch ist ein Stück Attac-Literatur mit genauem Blick für das Mittelmäßige in der Lebenswelt der Säugetiere. Wie ein literarisches Triptychon zeigt es in drei Teilen Szenen aus der Wirklichkeit seines gefangenen, unheiligen Helden: "Erosive Gastritis", "Konkurs" und "Schmutzige Wäsche" lauten die lakonischen Titel, wobei im letzten die Demut der donnernden Wut den Rang abzulaufen beginnt.</P><P>Man könnte auch sagen: es zeichnet sich eine kleine heilsgeschichtliche Wendung ab. Während Houellebecque uns in seinen großen Pamphleten jede Hoffnung verweigert, gewährt uns Mé´rot ein paar rosa Wolken vor einem Himmel aus schwarzem Humor. Ein Farbwechsel, der von der französischen Öffentlichkeit mit Lob und Preis begrüßt wurde. Die Literaturchefin von Le Monde erklärte ihn zum großartigsten Miesmacher der Saison. Das Anti-Effizienzprinzip hat einen neuen Namen: Pierre Mé´rot. </P>Pierre Mé´rot: "Säugetiere". Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Carl Hanser Verlag, München. 192 Seiten 17,90 Euro.

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