"Sei völlig Herr der Lage"

"Gilbert & George" im Haus der Kunst - Porträt: - "Gilbert & George - Die große Ausstellung" wird ab 11. Juni im Haus der Kunst präsentiert. Das Künstler-Duo kam jetzt schon einmal nach München, um nach dem Rechten zu sehen.

George ist etwa 1 Meter 80 groß, hager, Brillenträger. Über seine gelbe Krawatte kriechen schwarze Ameisen, sein Maßanzug ist beige, sein Englisch britisch. Gilbert ist etwas kleiner und breiter als George. Über seine weiße Krawatte kriechen rote Ameisen, sein Maßanzug ist grau, sein Englisch südtirolerisch. Zusammen bilden George (65) und Gilbert (64) das Londoner Künstlerpaar Gilbert & George. Als Studenten in der Bildhauerklasse der St. Martin‘s School of Art in London lernten sie sich kennen; seit 40 Jahren leben und arbeiten sie zusammen, bilden sich dabei unentwegt selbst ab. "Ein Bild, noch ein Bild", zählt Gilbert auf, "von Tag zu Tag. Wir lieben, was wir tun!" Gibt es denn auch Momente in ihrem Leben, in denen sie keine Kunstwerke sind? George: "Nicht, dass wir wüssten. Aber wir selbst sehen uns gar nicht als Kunstwerke." Gilbert: "Wir haben uns zum Gegenstand unserer Kunst gemacht, deshalb sehen nun die Leute uns als Kunst."

In den 60er-Jahren stellten sich Gilbert & George als "living sculptures" oft bis zu acht Stunden lang in eine Ladenecke. Doch schon bald übersetzten sie ihre physische Anwesenheit lieber effektiver in komplexe großformatige, geometrische Bildwerke im grellen, offenherzig entwaffnenden Spiel mit fotografischen Versatzstücken. Die haben sie im Studio ihres Londoner Hauses sorgfältig archiviert: für die Puzzlearbeit in der Dunkelkammer, die vor vier Jahren dem Computer gewichen ist.

"Tod… Hoffnung… Leben… Angst… Geld… Sex… Rasse… Religion… Liebe… Hass." Es klingt wie ein Stück von Philip Glass, wenn George im monotonen Staccato Bildtitel aufzählt. Dann verfällt er wieder in sein ruhiges Legato zurück und erklärt: "Diese Themen existieren in jedem, ob er in Zentralafrika lebt oder in Lateinamerika…" "Wir sind allein auf der Welt", fällt ihm der grüblerische Gilbert, wie so oft unvermittelt, ins Wort, "es gibt keinen Gott. Gemeinsam müssen wir ein Überlebenssystem entwickeln, wie wir uns fröhlicher, selbstbewusster, zivilisierter machen können."

Mit Schönheit wollen Gilbert & George diese Art Katharsis in ihrem Betrachter auslösen. "Oh, Schönheit, ja, die mögen wir!", schwärmen beide, und ihre anfängliche steife Reserviertheit beginnt zu schmelzen. "Wir möchten den Betrachter mit Schönheit verführen", säuselt Gilbert geheimnisvoll mit einem schiefen Lächeln, "dann erst eröffnen wir ihm all die unterschiedlichen Themen". Und die kräftigen, leuchtenden Farben? "Sind Teil der Schönheit", antwortet George, "um verschiedene Stimmungen und Symboliken zu schaffen".

Vor vier Monaten eröffnete die Tate Modern die bislang umfangreichste Werkschau der beiden. Nun ist "Die große Ausstellung" im Münchner Haus der Kunst angelangt, wo Gilbert & George vom 11. Juni an auf zwei Etagen ein gutes Dutzend Säle mit 200 ihrer Bilder, Skulpturen, Filme und Bücher bespielen. Zusätzlich zu den Exponaten aus der Tate wird erstmals auch eine Serie von Kohlezeichnungen zu sehen sein, die vor 30 Jahren aus einer italienischen Galerie gestohlen und erst kürzlich wieder aufgefunden wurde.

Stolz führen Gilbert & George durch die noch unfertigen Räume. "Das wird unglaublich!", ruft Gilbert immer wieder. "Es wird eine Explosion, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat!" Im Gegensatz zur ernsten Leidenschaft ihrer Reden wirkt das Auftreten der beiden gebügelten, ungleichen Zwillinge zwischen all den Lampen, Kränen, Kisten wie ein einziger großer Gag. Auch ihre Kunst scheint oft von einem trockenen Humor beseelt. "Sei stets elegant gekleidet, gepflegt, entspannt, freundlich, höflich und völlig Herr der Lage". So lautet das erste Gebot ihrer "Laws of sculptors" (1969). "Wir betreten unser Atelier niemals mit dem Gedanken an Humor", widerspricht George jedoch mit Vehemenz. "Humor ist etwas, das die Leute sich dazudenken, wenn sie der ernsthaften Realität eines Gegenstandes nicht ins Gesicht schauen können." Etwa der Realität der menschlichen Exkremente, die Gilbert & George auf ihren Bildern immer wieder in den Vordergrund stellen. "Aber witzig ist das überhaupt nicht! Genauso wenig halten wir sexuelle oder religiöse Themen für Spaß."

In den 80er-Jahren schufen Gilbert & George eine Reihe von religiösen Bildern. Das Haus der Kunst setzt das Duo damit zwischen Christoph Schlingensief und dem barocken Elfenbeinschnitzer Georg Petel in den abstrakten Zusammenhang seines Sommerthemas "Kunst und Religion". "Da passen wir nicht dazu", entgegnet George. "Wir waren damals auf der Suche nach der Wahrheit - ehe wir merkten, dass wir nicht gläubig waren. Als wir 1980 unsere Jesus-Bilder brachten, dachte die Öffentlichkeit, wir wären blöd, so einen langweiligen alten Müll zu machen. Heute ist es ein Thema um Leben und Tod."

Gilbert & George nennen sich "spirituell", nicht "religiös". "Wir glauben an das Universum", erläutert Gilbert, "aber nicht an einen christlichen Gott. Ich glaube daran, dass wir nichts wissen." Es sei doch unzulässig, Gottes Existenz zu behaupten, solange sie nicht bewiesen werden könne. "Und in der Zwischenzeit müssen wir miteinander leben, das ist es."

Mit der Darstellung des Islam sind sie lieber vorsichtig, obschon eines ihrer Bilder von 1980 den Titel "Mullah" trägt. Über zwanzig Jahre lang habe ihr Publikum gefragt: "Was ist ‚Mullah’?" Nach dem 11. September fragte keiner mehr. Zuletzt schufen Gilbert & George ein Triptychon aus "Bomben-Bildern". Es berichte von den Bombardements auf London: in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Es gibt sehr vieles, was Gilbert & George in ihrer Kunst provokativ hinterfragen. Gilbert: "Hier haben wir verschiedene Themen kombiniert." George: "Um Bedeutungen zu finden…" Gilbert: "… zu erforschen…" George: "… die noch nicht existieren. Wir haben versucht, eine Ausstellung zu machen, durch die sich die Leute, die sie gesehen haben, unterscheiden von den Leuten, die sie nicht gesehen haben. Das ist sehr wichtig: Die Künstler sind dazu da, das Leben zu verändern." Gilbert nickt bedächtig. Sind sie eigentlich immer derselben Meinung? "Natürlich, natürlich", sagt Gilbert. "Bislang", sagt George.

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