Seiltanz über dem Abgrund der Banalität

- Es wundert einen schon, warum Andrea Zittels witzig-variable Möbel nicht schon längst in Serie gegangen sind. Die US-Amerikanerin (Jahrgang 1965) gehört zu der Riege von Künstlern, die die Grenze zwischen Alltag und Kunst verwischt hat. Die einen bieten Service, die anderen Information, die dritten Spiel und Spaß. Nachdem die Designer sich mit verrückten Ideen an die freie Kunst 'rangewanzt hatten, schlug die zurück - mit angewandter Kunst von Kitsch über Sperrmüll bis zu wirklich exzellenten Einrichtungseinfällen.

<P>Müsli in der Mulde<BR>für Menschen in Modulen</P><P>Die Münchner Sammlung Goetz verfolgt Andrea Zittels Schaffen schon lange und widmet ihr jetzt eine Solo-Ausstellung. Die Künstlerin hat sich durchaus marktgerecht verhalten: mit Logo namens "A-Z Administrativ Services", Büro, Labor, Werbeanzeigen. Die Schränke auf Rollen, die mal Schminktisch, mal Sekretär sein können, sind praktisch, vernünftig und schön. Dass man genau diese Attribute auch ironisieren, sie sozusagen gegen sie selbst wenden kann, beweist Zittel aber auch. Natürlich sind ihre Frühstückstische - Modell rustikal, asymmetrisch durchmodelliert oder Modell quadratisch für die kleine Küche - praktisch und hübsch, aber will man sein Müsli wirklich aus der ausgefrästen Mulde der Holztischplatte löffeln? Erinnerungen an vergangene bäuerliche Ess-Sitten tauchen auf, aber auch an blödsinnigen Designer-Schnickschnack. </P><P>Andrea Zittel balanciert mit einem feinen Humor als Gleichgewichtsstange über jenes dünne Seil, das über dem Abgrund der Banalität gespannt ist. Der Kitzel ihrer Kunst liegt in der Gefahr, jederzeit dahinunter stürzen zu können. So auch bei den Schürzenkleidern, die ebenso als Tischdecken oder abstrakte Bilder fungieren können, oder bei dem Haus "A-Z Cellular Compartment". Es besteht aus Quadermodulen, die mit Holz-, Glas- und Milchglaswänden die Architektur der Ausstellungshalle (Herzog & De Meuron) zitieren. Kombiniert zu einem einstöckigen Bungalow aus mehreren "Trakten" enthält die Heimstatt für eine Person alles, was man beziehungsweise der japanisch durchdrungene Mensch braucht: Entré´e, Schlafkoje, Lese- und ein Meditationsraum, aber auch Küche, Essplatz und ein Steingärtchen, natürlich Zen-kompatibel. </P><P>Was wie ein Spielhäuschen für Herrschafts-Bobberl daherkommt und Lust aufs Herumkrabbeln macht, reflektiert zugleich architektonische Überlegungen zur Modul-Bauweise und das Problem des immer kleiner werdenden Lebensraums. Andrea Zittel baut uns Schneckenhäuser, Kuschel-Welten, Zufluchtsecken und zeigt damit, wie verletzbar wir sind.</P><P>15. Mai bis 8. November, Oberföhringer Str. 103, Tel. 089/ 95 93 96 90.<BR></P><P> </P>

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