Sein eigener Hauptdarsteller

- Das hatte vor ihm keiner geschafft - oder gewollt: 13 Spielzeiten Intendant der Bayerischen Staatsoper. Wenn Sir Peter Jonas am 31. Juli nach dem letzten Akt der "Meistersinger von Nürnberg" seine Loge verlässt, um zu den Sängern auf die Bühne zu eilen - so wie er es all die Jahre getan hat -, dann ist es dieses Mal das letzte Mal.

Das Spiel ist aus für jenen Mann, der 13 Jahre lang von seinem Platz aus mitgespielt hat, fast jeden Abend. Da konnten die größten Stars auf der Bühne stehen - Peter Jonas war immer sein eigener und erster Hauptdarsteller. Und somit fühlte sich der gewiefte Opernmanager wohl auch selbst in erster Linie als Künstler.

Gelebte Identifikation

Jonas' größte Leistung seiner Münchner Ägide ist die Tatsache, dass er von der Mehrheit des Publikums und sogar von jenen, die keine Operngänger sind, gekannt wird. Dass er sozusagen ein bunter Hund ist. Dass er mit dem teuren Haus identifiziert wird. Dass er quasi die Bayerische Staatsoper selbst verkörpert.

Dass dieser persönliche Erfolg zu einer gewissen Hybris führte, nun ja, Schwamm drüber. Viel wichtiger ist: Die absolute, oftmals bis zum Exzess gelebte Identifikation des Intendanten mit seinem Haus brachte auch die Identifikation des Publikums mit dieser Staatsbühne. Zu konstatieren ist: Die beste, erfolgreichste, nachhaltigste Inszenierung dieser 13 Jahre war die Selbstinszenierung des Intendanten. Dass er dabei auch sein eigener Kostümchef war mit Hang zur Extravaganz, versteht sich von selbst.

Als er vor 13 Jahren die Bayerische Staatsoper übernahm, hatte das Haus lange brach gelegen. Schwerwiegende Pannen beim Einbau einer neuen, modernen Bühnentechnik hatten den Betrieb anhaltend außer Gefecht gesetzt. Wenn aber jetzt allerorten, auch vom amtierenden Minister, so getan wird, als habe Peter Jonas die Bayerische Staatsoper überhaupt erst erfunden, ist das allerhand. Das Haus war schon "wer" in der Welt - auch vor Jonas. Denn mit Wolfgang Sawallisch stand bekanntermaßen ein Dirigent der internationalen Extraklasse an seiner Spitze. Schäbig ist es, heute so zu tun, als sei das Münchner Nationaltheater vor 1993 künstlerisch eine Terra incognita gewesen.

Doch nur mit dieser Schimäre ließ sich Peter Jonas' Ära in umso strahlenderes Licht setzen. Die Zahl der gespielten Vorstellungen, die wachsende Platzausnutzung, die gestiegenen Einnahmen - überall glänzende Bilanzen und ein immerfort herausposauntes "Wir sind die Besten und Größten". Ein geborener Verkäufer, ein genialer Marktschreier, ein Händler mit Namen, Zahlen und Legenden stand an der Spitze des Hauses.

Das demokratische Verständnis, das der scheidende Intendant von Oper hat, manifestiert sich an zwei entscheidenden Dingen: einmal an der Erfindung von "Oper für alle", jener Live-Übertragung auf den Max-Joseph-Platz, die den Menschen "draußen" das Gefühl gibt, Teil der Festspiele zu sein; zum anderen an der Einführung von Obertiteln. Eine Errungenschaft, die es glücklicherweise jedem Besucher ermöglicht, dem gesungenen Text zu folgen.

Diener und Narr

Die Oper populär machen - das ist die eine Seite der Jonas-Intendanz. Die andere ist das Hofieren einer so genannten gesellschaftlichen Elite. Das führte dazu, dass es Premieren gab, bei denen Teile der Foyers ganz undemokratisch für die "gewöhnlichen" Besucher gesperrt blieben. Ein Zweiklassenpublikum - die fragwürdigen Folgen eines immer offensiver werdenden Sponsorings.

Jonas' Erfolg: das Anzapfen sprudelnder Geldquellen, zum Beispiel Audi und O2. Jonas' Niederlage: den Großsponsoren alles zuzugestehen, die Oper und ihren Platz davor dem gierigen Griff der Marktstrategen zu überlassen. Ein kaum zu lösender, von ihm selbst am liebsten wegretuschierter Widerspruch.

Der Diener der Kunst machte sich zum Narren - der Gesellschaft. Und damit auch der Politiker. Denn wie ein Shakespeare-Narr las er ihnen gern die Leviten. Und gerade jüngst trumpfte er anlässlich des Theaterstreiks mit Wahrheiten auf. Doch angesichts seiner ausklingenden Amtszeit war die Beschimpfung von Finanzminister und Ministerpräsident kein Kunststück, keine Mutprobe.

Manchmal aber gerierte sich der stolze Brite auch einfach nur als deutscher Hanswurst - wenn es ihn nämlich in den Silvester-Vorstellungen der "Fledermaus" auf die Bühne drängte - als Walzertänzer, als Fakir, als sterbender Schwan, als Confé´rencier, als Kabarettist. Und wenn Lacher und Beifall aufbrausten, schien der Gipfel eitlen Glücks erreicht: der Manager als Striese.

In diesen 13 Jahren wurde Peter Jonas zum Original dieser Stadt. Der Staatsintendant wurde ausgezeichnet mit dem Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München und dekoriert mit dem Karl-Valentin-Orden.

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