Sein oder nicht sein

- Der Rest ist Hamlet. Nur der Rest, einige bekannte, aber doch anders zusammenmontierte Motive: der Tod des Vaters, die Rückkehr des Sohns, der Neue der Mutter, die Fremdheit in der einstigen Heimat, der Einbruch des Wahnsinns, der Zweifel an der Existenzberechtigung.

Hier sein oder besser nicht mehr hier sein, ist die unausgesprochene Frage von Memo, dem Sohn. Die Hauptsache in "Dogland" aber sind die Erwartungen der anderen, Forderungen an einen, der sie mit seinem Abschied verletzt, ihnen gefehlt hat. Während die Sehnsucht nach ihm ihrem kleinen traurigen Leben einen Sinn gab. Bis er nach zehn Jahren Fremdenlegion plötzlich wieder vor der Tür von Mutter und Freunden steht.<BR><BR>Es ist nichts faul zunächst im Stück "Dogland", das ist der Unterschied zwischen Shakespeares Drama und dem zweiten Teil der "Heimattrilogie" von Nuran Calis, einem ehemaligen Regiestudenten der Falckenberg-Schule. Der Vater wurde nicht ermordet, der Sohn will nicht Rache, sondern dem Vater einen Grabstein hauen. Will nach dem selbst gewählten Kriegseinsatz Frieden finden zu Hause. Aber Memo passt nicht mehr in die Lücke, die er hinterlassen hat. Marie Enzler hat "Dogland" für die Autorenwerkstatt der Münchner Kammerspiele im Werkraum inszeniert. Und es ist ihr gelungen, mit mutigen Eingriffen in den Text die kleinen Schwächen des traurig-komischen Heimkehrerdramas zu beseitigen. Sich etwas langatmig reihende Szenen hat sie - temporeich und mit Witz - ineinander geschnitten.<BR><BR>Da steht dann Martin Butzke als wunderbar verlorener, sich selbst immer mehr verlierender Sohn in dieser Plattenbausiedlung, einer schön kargen Podest-Terrassen-Landschaft von David Hohmann. Steht zwischen Mutter und Freunden, die, kaum dass er sich ihnen zuwendet, ihre etwas verhohlenen Vorwürfe auf ihn einprasseln lassen. Stephan Zinner und Matthias Bundschuh spielen, ohne sie zu entstellen, die leicht karikierten Kumpels Frank und Alex. Letzterer, der Proletenhaftestes von allen, dreht durch, weil er als Einziger das Richtige wahrnimmt: nämlich dass inzwischen alle bis auf Memo verlogen sind. Da wird hinter der ordentlichen Fassade heimlich gehurt und fleißig betrogen. Und das alles fliegt auf und eskaliert, weil Memo, der die bessere Vergangenheit mit sich genommen hatte, wie die personifizierte Aufrichtigkeit zurückgekehrt ist.<BR><BR>Marie Enzler hat die Schauspieler, besonders auch Annette Paulmann als Mutter und Caroline Ebner als kleine Schlampe, zu fantasievollen, plausiblen Interpretationen animiert. Sie hat zu Recht auf einfache Bilder gesetzt. Manches abstrakt gelassen - die Puffszenen - und manches umso feiner konkretisiert - die Liebesszene. Und die Regisseurin hat mit dem gelungenen Wechsel zwischen schrillem Schlagabtausch und getragener Innigkeit, zwischen beißender Ironie und heiterer Ernsthaftigkeit einen betörenden, unterhaltsamen Rhythmus gefunden.

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