Sein Tod kam der Scheidung zuvor

- "Ich komme, etwas spät, immer mehr zu der Erkenntnis, dass Menschen wie Wedekind keine Kinder in die Welt setzen sollten." Als Tilly Wedekind diese Zeilen an Gottfried Benn schreibt, sind ihre beiden Töchter Pamela und Kadidja erwachsene Frauen und liegen gerade wieder in erbittertem Streit miteinander. Beide haben sie nicht nur an der Last des großen Dichternamens zu tragen, sondern auch eine fatale Portion vom schwierigen Charakter des Vaters geerbt.

<P>Geliebte Gottfried Benns</P><P>Aufschluss darüber geben die Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, die Anatol Regnier, der Sohn Pamelas, für seine Familienbiografie "Du auf deinem höchsten Dach - Tilly Wedekind und ihre Töchter" erstmals ausgewertet hat. Der Buchtitel übrigens zitiert die erste Zeile seines berühmten Liebesliedes "Die Wetterfahne", das der geniale Frank Wedekind einst schrieb und damit distanziert ironisch sein Verhältnis zur schönen Tilly charakterisierte. Verse, die Anatol Regnier denn auch jeweils dem ersten und zweiten Teil seines Buches voranstellt.</P><P>Als Frank Wedekind am 9. März 1918 53-jährig stirbt, ist das bei aller Trauer für seine Frau eine Befreiung, hatte sie doch erst kurz zuvor durch einen Selbstmordversuch die Flucht aus ihrer Ehehölle antreten wollen. Zwölf Jahre war sie mit dem 22 Jahre älteren Schriftsteller verheiratet gewesen, dessen lebenslanger Kampf um Anerkennung mit einer krankhaften Eifersucht einherging. Immer wieder hat Tilly wie eine Löwin um ihre Ehe gekämpft, bis sie nicht mehr konnte. Sein Tod kam der von ihr gewünschten Scheidung zuvor.</P><P>Auch künstlerisch trat die Schauspielerin hinter ihrem Mann zurück. Nach ihrer Heirat spielte sie bald nur noch in seinen Stücken - und das in einer Zeit, da diesen durch Zensur und Kritik nur selten Erfolg beschert war. Erst mit Ende des Ersten Weltkriegs, also unmittelbar nach Wedekinds Tod, kamen seine Dramen in Mode und seine Erben zu Geld. Somit hinterließ der Dichter zwar eine wohlhabende, aber gebrochene Frau.</P><P>Inzwischen manisch-depressiv, bekam sie keine großen Engagements mehr. Bei ihren nun regelmäßig wechselnden Liebhabern fand Tilly nach eigenem Bekunden zwar mehr sexuelle Erfüllung, als bei ihrem Mann, großes Glück aber blieb ihr versagt. Auch die lange Beziehung mit Gottfried Benn war ein vergeblicher Kampf, dem verschlossenen Arzt und Lyriker wirklich nahe zu kommen; ein Kampf, den Benn schließlich beendete.</P><P>Die Münchner Bohème</P><P>Den Wedekind-Töchtern waren ebensowenig Erfüllung und Glück beschert. Die Heirat Pamelas zum Beispiel mit dem 30 Jahre älteren Carl Sternheim erschien ihr selbst "als Gang zum Schafott". Anders als ihre Mutter wird sie sich bei Zeiten aus dieser Ehe befreien, die sie dennoch teuer bezahlt: nicht nur mit einem guten Stück ihrer Jugend, sondern auch mit der Freundschaft zu den beiden ältesten Kindern Thomas Manns, Klaus und Erika. Die frühe Verlobung mit dem bekennend homosexuellen Klaus hatte wohl eher etwas Spielerisches. Für Erika war Pamela allerdings, das zeigen deren Briefe ganz deutlich, die große Liebe. Das Zerwürfnis mit den beiden vertieft sich 1933. Die Mann-Geschwister verlassen und bekämpfen Nazi-Deutschland, Pamela bleibt und arrangiert sich.  Erst  im  hohen  Alter, kurz vor Erikas Tod, werden sich die beiden Frauen wirklich versöhnen - eine der berührendsten Passagen in dieser ungemein spannenden Familienbiografie.</P><P>Bei aller Liebe zu seinen Protagonistinnen hält Anatol Regnier nötige Distanz, ordnet die Geschehnisse sorgfältig historisch ein, tritt selbst als Erzähler hinter den Briefen und Tagebuchausschnitten zurück. Er verlässt sich auf sein hervorragendes Material, durch das die Münchner Bohè`me der Jahrhundertwende ebenso lebendig wird wie die "wilden Zwanziger" in Berlin oder der Überlebenskampf nach dem Zweiten Weltkrieg am Starnberger See.</P><P>Anatol Regnier: "Du auf deinem höchsten Dach -Tilly Wedekind und ihre Töchter". Albrecht Knaus Verlag, München, 446 Seiten, 22,90 Euro.</P><P>Der Autor liest heute, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus aus seinem Buch. Karten unter Tel. 089/ 4136/3454<BR></P>

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