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McMurphy liest nicht nur Patienten die Leviten: Jean-Luc Bubert (Mi.) mit Jan Viethen, Johannes Schäfer, Max Wagner und Justin Mühlenhardt (v. li.).

Sein Wahnsinn hat Methode

München - Simon Solberg inszenierte am Münchner Volkstheater „Einer flog über das Kuckucksnest“ für Schnell-Checker

Natürlich ist die Bühne im Münchner Volkstheater auch dieses Mal am Ende wieder eine Müllhalde. Natürlich erinnert manches in den knapp zwei Stunden davor an einen aus dem Ruder gelaufenen Kindergeburtstag. Und natürlich krepiert mancher Witz, bevor er seine Pointe erreicht, stolpert mancher Kalauer über den eigenen Bart.

Dennoch: Simon Solbergs Wahnsinn hat Methode. Bei allem Krawall und Klamauk weiß dieser junge Regisseur, Jahrgang 1979, sehr genau, was er zeigen will. Sein Theater ist durchdacht und bedenkenswert. So auch die Inszenierung von Dale Wassermans „Einer flog über das Kuckucksnest“ nach dem Roman von Ken Kesey. Am Samstag war Premiere. Es ist nach „Faust“ und „Die Jungfrau von Orleans“ Solbergs dritte Arbeit am Volkstheater – seine beste. Seine Arbeitsweise hat sich nicht geändert. Doch verglichen mit der Art, wie er Dramen von Goethe und Schiller als Text-Steinbruch nutzte, hält er sich hier erstaunlich eng an die Vorlage, die vor allem durch die mit fünf Oscars gekrönte Verfilmung von Milo(s) Forman aus dem Jahr 1975 mit Jack Nicholson bekannt wurde. Solberg aktualisierte Wassermans Stück, passte es den Verhältnissen in Deutschland an, mixte popkulturelle Bezüge aus Musik (Michael Jackson, Queen, Britney Spears) und Kino („Avatar“, „The Big Lebowski“) dazu. Er zitierte gar die eigene „Johanna“-Inszenierung, um uns sein eigentliches Thema unterzujubeln. Denn nur vordergründig geht es ihm darum zu erzählen, wie McMurphy durch subversiven Witz die Psychiatrie menschlicher macht und wie er seine Mit-Patienten dazu bringt, gegen Willkür und Schikane des Pflegepersonals aufzumucken.

Das alles zeigt Solberg zwar auch. Doch eigentlich stellt er – einmal mehr – Machtverhältnisse bloß, seziert Formen der Unterdrückung in der Gesellschaft, kreidet den Terror der Mächtigen an, um sich über die (scheinbare) Ohnmacht der kleinen Leute aufzuregen. Ein Beispiel: „Ich bringe Euch ganz groß raus hier“, sagt McMurphy einmal zu den anderen Patienten und – zack – wird aus der Psychiatrie ein Laufsteg, eine Casting-Show, wie sie fast jeden Tag im Fernsehen läuft: Die Patienten zeigen ihre Supertalente – und der Regisseur dem Publikum, wie irr eine Welt ist, in der jeder besonders sein will. Zugegeben: Simon Solberg will den Schnell-Checker im Zuschauerraum. Wer das wilde Zitieren und Kompilieren nicht mag, für wen Anspielungen und Assoziationsketten zu schnell vorbeirauschen, der wird bei dieser Art Theater untergehen. Innehalten ist nicht. Da drückt etwa McMurphy einem Patienten ein Buch mit dem Titel „Empört Euch!“ in die Hand. Wer nicht weiß, dass der 1917 geborene Franzose Stéphane Hessel im vergangenen Jahr mit dieser Streitschrift, in der er die Bürger zum Widerstand gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus, gegen die Unterdrückung von Minderheiten und gegen die Umweltzerstörung aufruft, einen Bestseller gelandet hat, wird bei dieser Szene ratlos bleiben. Zumal Solberg so inszeniert, dass kaum Zeit zum Grübeln bleibt. Gut möglich auch, dass er diesen Hinweis auf ein politisch-philosophisches Manifest sofort mit einem Fäkalwitz konterkariert.

Dabei würde man es sich allerdings zu leicht machen, ihm vorzuwerfen, Hessel und Marx, Kino und Konsum, Musik und Politik stets nur anzureißen, einer Laune folgend, doch letztlich sinnlos und ohne Tiefgang. Falsch. Denn all seine Referenzen verweisen letztlich wieder auf – Machtverhältnisse. Mit Jean-Luc Bubert, Özgür Karadeniz, Max Wagner, Justin Mühlenhardt, Jan Viethen und Johannes Schäfer (Lasst ihn ein Hip-Hop-Album aufnehmen, bitte!) hat Solberg zudem Schauspieler gefunden, die mit Energie und Witz seine unterhaltsame Feier des Geistes und der Gosse zelebrieren. „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist eine Ensembleleistung: Wer im Vorfeld fürchtete, Volkstheater-Spielwüterich Jean-Luc Bubert würde als McMurphy eine Ein-Mann-Schau abziehen, wurde getäuscht. Bubert nimmt sich im rechten Moment geschickt zurück. Außerdem hat er starke und selbstbewusste Kollegen, die auch die leisen Töne beherrschen – etwa der wunderbare Özgür Karadeniz als Häuptling Bromden. Folgerichtig am Ende: Jubel für diesen Theater-Wahnsinn.

Von Michael Schleicher

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