Sein Weihnachtsoratorium swingt

- "Wir haben alle noch nicht mit Bach gefrühstückt, also wissen wir nicht, wie er sich die Interpretation seiner Musik wirklich vorgestellt hat. Daher nehm' ich mir die Freiheit, es anders zu machen als andere." Hansjörg Albrecht, der neue musikalische Leiter des Münchener Bach-Chores sagt das charmant, aber bestimmt in der Pause zwischen den Teilen I-III und IV-VI des Bachschen Weihnachtsoratoriums in der Münchner Philharmonie.

Genauso ungewöhnlich wie diese Erläuterung ist das ganze Konzert, und das hat seinen Reiz. Nach dem Schluss der dritten Kantate bat Albrecht das Publikum auf die Bühne und erklärte kurzweilig anhand von Improvisationen, gemeinsam mit einigen Instrumentalisten und Tenor Martin Petzold, die Historie des Weihnachtsoratoriums. Diese Art Pausengespräche will er zukünftig beibehalten. Besonders beeindruckte Martin Petzolds launiger Vortrag der Tenorarie "Ich will nur dir zu Ehren leben" in der weltlichen und sakralen Textversion - und das auch noch auf Sächsisch. Überhaupt stach Petzold als Evangelist mit geschmeidig-schattierungsreichem Timbre und Sinn für dramatische Nuancen aus dem Solistenensemble, dem Elisabeth Scholl, Sopran, Annekathrin Laabs, Alt, und Sebastian Noack, Bass, angehörten, heraus.

Hansjörg Albrecht leitete das Weihnachtsoratorium von Cembalo und Orgel aus - stehend! Beide Instrumente waren doppelt besetzt und standen sich in einer kuriosen Brückenkonstruktion auf der Podiumsmitte gegenüber. Auf der anderen Seite konzertierte Peter Kofler, sitzend. Neu im Münchner Bach Collegium und das Ensemble wunderbar bereichernd: die Besetzung mit zwei Theorben (Langhalslauten). Albrecht hat mit dieser Aufführung gezeigt, wohin er will: Bei ihm stehen Rhythmus und Wort im Vordergrund. Sein vitales Dirigat mit eigenwilligen Phrasierungen und extremen Tempi hat beim Chor ein anderes, als das bisher gewohnte Klangbild zur Folge: frischer, temporeicher, dramatischer. Sein Weihnachtsoratorium swingt. Zukünftige Detailarbeit versteht sich von selbst, doch wird sich Albrecht vor allem bei den Tenören um Nachwuchs kümmern müssen. Der Münchener Bach-Chor ist auf dem Weg zu einer neuen Klangformation, die München gut tut.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare