Seine bessere Hälfte

- So, und nun sollte sie die Klavierauszüge mit den Bellinis und Donizettis schnellstmöglich einmotten. All die Schnörkelnummern von "Somnambula" bis "Puritani", für die's geläufigere Gurgeln braucht, weniger eine solch unwiderstehliche Innigkeit. Denn wenn dieses Münchner Spektakel ein Ergebnis gebracht hat, dann dieses: Anna Netrebko, im edlen Sponsorenblau Zentrum der Gasteig-Bühne, hat ihre Idealpartie gefunden.

Belcanto? Falsche Baustelle. Die perfekte Maßanfertigung für ihre Stimme ist vielmehr Puccinis Mimì ­ besser sitzend jedenfalls als ihre so heftig gefeierte "Traviata"-Violetta, bei der man im ersten Akt regelmäßig bangen muss, ob da eine wackere Sopranistin ohne Stimmbandblessuren über die Verzierungen kommt.

Dabei hatten Fans und Veranstalter vor dieser konzertanten "La Bohème" Stoßgebete an die Vokalgötter geschickt. Rolando Villazón, bislang bessere Hälfte des Traumpaares, war inklusive Generalprobe von der Grippe niedergestreckt worden. Die Grippe wich, ein kleiner Kratzer auf zwei Spitzentönen nicht. Dafür gab er als Rodolfo den gewohnt quirligen Softie, der mitschneidende CD-Techniker wohl an den Rand des Infarkts brachte: Kaum zwei Takte, in denen der Mexikaner ruhig und geradeaus die Mikros beschallte.

Softig auch die Stimme: Villazóns Tenor fehlen ja die entscheidenden Dekagramm Erz, die ihn zu Heldischerem befähigen würde. Trotz aller Verausgabung blieb es also bei weichgespülter Dramatik. Und wenn er (die Krankheit?) mal den Spargang einlegte, dann stellte sich ohnehin die Frage, ob der Block Q von diesem Rodolfo wirklich noch alles mitbekam.

Gelegentlich wechselndes Schummerlicht, scheues Halten eiskalter Händchen und tiefe Blicke mussten ausreichen. Aber Puccinis "Bohème" funktioniert ja auch ohne Inszenierung ­ und sogar ohne Souffleurkasten, weshalb die Solisten mit Knopf im Ohr auftraten. Und da der Veranstalter zum Traumpaar keine Billig-Beilagen bot, sondern A-Klasse, war der Aufruhr um diese drei sündteuren Konzerte (Karten bis 193 Euro, allein das Programmheft 15 Euro) tatsächlich gerechtfertigt.Von Rodolfos Freunden schnitt Boaz Daniel

mit virilem, perfekt durchgebildetem Bariton am besten ab. Mariusz Kwiecien (Marcello), im ersten Teil noch mit Standbein-Spielbein, aufgeknöpftem Hemd und knorrigem Bariton ganz Macho, ereilte während der Pause eine "Allergie". Das Kuriosum: Boaz Daniel übernahm Kwiecins Partie, wurde dafür als Schaunard von Kai Stiefermann vertreten.

Bei Nicole Cabell (Musette), von Netrebkos CD-Firma schon als neuer Star ausgerufen, ist vorerst noch das rote Kleid aufregender als die leicht belegte Stimme. Dafür saß an den Pulten eines der bestmöglichen Opern-Ensembles überhaupt. Und das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks genoss die ungewohnte Rolle, ließ schon mal die Muskeln spielen, sich ansonsten aber willig führen. Dirigent Bertrand de Billy donnerte den zweiten Akt inklusive BR-Chor und Kinderchor vom Gärtnerplatz zur Mahler-Symphonie auf. Ansonsten blieb‘s beim bestechend souveränen Dirigat und vollsaftiger, geschmeidiger Klangkultur.

Erwartungsgemäßer Jubel, vor allem für die Netrebko, deren Stimme nun weniger kühle Starkstromtöne produziert, mehr zur Ruhe kommt, dabei offener, farbenreicher geführt wird. Wer würde diese "Bohème"-CD nicht heiß erwarten, dazu am liebsten Desdemona, Manon\x0f.\x0f.\x0f.? Jedenfalls nicht Elvira, Lucia oder Juliette. Die sollte sie besser Kollegin Diana Damrau überlassen.

Bayern 4 überträgt "La Bohème" an diesem Samstag live ab 20.05 Uhr.

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