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David Foster Wallace (1962-2008).

Seine letzte Herausforderung

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München - Ein unfertiges und dennoch kraftvolles Vermächtnis: „Der bleiche König“, der postum erschienene Roman von David Foster Wallace. Lesen Sie hier die Kritik:

Die Hölle passt auf vier Seiten. Und sie liest sich so: „Chris Fogle blättert eine Seite um. Howard Cardwell blättert eine Seite um. Ken Wax blättert eine Seite um.“ Jemand blättert aus Versehen zwei Seiten um, bevor Ken Wax ein Memo 20 in eine Akte heftet. Einer schnieft. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 74 Prozent. Ein Aktenwagen knarzt. „Ann Wiliams blättert eine Seite um.“ Es ist, wie Lane Dean jr. später sagt: Die Hölle hat „nichts mit Feuer oder erstarrten Armeen“ zu tun. Die Hölle, das ist die seelenmordende Langeweile.

Sie ist das große Thema in „Der bleiche König“, diesem letzten, spürbar unfertigen Roman des vor fünf Jahren verstorbenen David Foster Wallace. 600 aufzehrende, strapaziöse, wunderbare Seiten lang führt er uns vor, wie es sich anfühlt, an einem der monotonsten Orte der Welt zu arbeiten: in einer Außenstelle der US-Steuerbehörde IRS. Und er stellt die Frage, wie sie zu überwinden wäre, diese alles zersetzende Kraft, die natürlich auch außerhalb der IRS wütet.

Wallaces letzter Coup ist eine Herausforderung – auf allen Ebenen. Weil der Text Fragment geblieben ist und niemand weiß, wie er fertig hätte aussehen sollen. Weil ihm darum eine kohärente Handlung fehlt. Und weil Wallace ein postmoderner Spieler geblieben ist, der sich etwa im Vorwort, das mitten im Buch auftaucht, als autobiografischen Schreiber einführt und vorgibt, selbst im IRS gearbeitet zu haben, um seine Glaubwürdigkeit sofort in Zweifel zu ziehen. Dass „Der bleiche König“ das Gegenprogramm zum gefeierten Roman „Unendlicher Spaß“ ist, sagen schon die Titel. Damals ging es um das Auffüllen der inneren Leere durch Spaß, heute ums Aufreißen dieser Leere durch das Gegenteil.

Wie also muss man diesen Text nehmen, den Wallaces Lektor Michael Pietsch zusammengesetzt hat? Zuerst wohl bei den Personen, die der Autor rücksichtslos in einer Welt der Akten und Formeln aussetzt, Mitte der Achtzigerjahre. Die Geschichten der vom Leben gegerbten Charaktere erzählen oft von Gewalt. Chris Fogle etwa sieht seinen Vater bei einem Unfall sterben. Toni Ware erlebt die Ermordung ihrer Mutter. Als wollte Wallace das viele Blut wieder aufwischen, gibt es aber auch ganz untragische Figuren wie Claude Sylvanshine, der durch eine spezielle Begabung, die Fakten-Intuition, unwillkürlich Daten erfährt. Was diese Leute zusammenhält: ihr Job beim IRS und die Langeweile.

Spätestens hier wird klar, dass „Der bleiche König“ sich sein Publikum aussucht, nicht umgekehrt. Denn die Langeweile, die Wallace seine Figuren spüren lässt, gibt er an die Leser weiter. In seitenlangen Abschweifungen beißt er sich fest an einzelnen Szenen, oft Banalitäten. Manchmal verfranst sich die Erzählung so weit in der Wirklichkeit, dass nur noch Fußnoten zur Erklärung helfen. Wenn dann Exkurse wie zur progressiven Mehrwertsteuer dazukommen, wird das Lesen zum gewollten Kampf. Wallace, Du Hund, Du brillanter Texte-Schmied! Und auch das gehört zur Wahrheit des Textes: ein Ringen um Sinn. Wallace gibt den Steuerangestellten ihre Würde zurück. Sie seien die wahren Helden, heißt es, pflichtbewusst, frei von dem Drang nach Anerkennung.

Ohne Wallaces Biografie, seinen Suizid, kann „Der bleiche König“ nicht gelesen werden. Es wirkt, als habe sich der depressive Autor Hoffnung spenden wollen. Aber ohne vergessen zu können, dass die Monotonie, die ihm sein Schreiben zunehmend schwer machte, das Schicksal der Menschheit ist. Keine Frage, schon dieses „lange Ding“, an dem Wallace mindestens sieben Jahre gearbeitet hat, ist in großen Teilen stilistisch brillant, analytisch scharf und von einer Durchdringung menschlicher Befindlichkeiten, die selten ist. Kaum auszudenken, was uns der Autor geschenkt hätte, wenn er diesen Roman hätte fertigstellen können.

So bleibt „Der bleiche König“ ein in seiner Menschlichkeit kraftvolles Vermächtnis. Es heißt, Wallace habe die Manuskript-Seiten nochmals säuberlich ausgedruckt, bevor er sich 2008 erhängte. Sie sollten gefunden werden. Er, der den Hype um sich hasste, wird gewusst haben, dass dies ihn zur Legende machen würde. Er starb über diesem Buch, aber er ließ sich seine Souveränität nicht nehmen. Das mag ein Trost sein. Aber der Roman ist auch ein trauriger. Wir mögen Könige unserer selbst geschaffenen Langeweile sein. Aber nur bleiche. In dieser Welt, die sich mit oder ohne Autoren wie Wallace dreht, strahlt nichts.

Marcus Mäckler

David Foster Wallace:

„Der bleiche König“. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 625 Seiten; 29,99 Euro.

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