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Seine Stühle biegen sich wie Blätter im Wind: Stefan Wewerka in Münchens Pinakothek der Moderne.

Seine Stühle sind manchmal auch zum Sitzen da

Arbeiten zwischen Kunst und Design: Münchens Pinakothek der Moderne widmet Stefan Wewerka die Ausstellung „Querschnitt“

Sie sind allesamt rot lackiert, haben vier Beine, eine Lehne und eine Sitzfläche. Ganz klar Stühle – auf denen man jedoch nicht sitzen kann. Macht nichts, findet Stefan Wewerka. Die Stühle des 83-jährigen Künstlers sind eher Skulpturen denn Sitzmöbel. In diesem Fall biegen sie sich wie Blätter im Wind, die Beine vier formschöne Kurven, die Sitzfläche zu schräg, um darauf Platz zu nehmen.

Auf welch überraschende und vielseitige Weise Wewerka scheinbar alltägliche Dinge verformt und infrage stellt, zeigt die Ausstellung „Querschnitt. Stefan Wewerka“, die nun im Designmuseum Neue Sammlung in Münchens Pinakothek der Moderne zu sehen ist. Da gibt es Stühle aus Schaumstoff, die durcheinandergewürfelt am Boden liegen, die Beine und Lehnen nach links und rechts weggeknickt. Andere Skulpturen neigen sich so stark zur Seite, dass sie fast schon eine Kreisform ergeben. Ein Stuhl ist durchlöchert und in sich zusammengefallen, ein anderer steht auf nur zwei Beinen. Schon im alten Ägypten habe es Stühle in ihrer heutigen Form gegeben, erzählt Wewerka. Der Stuhl sei das älteste Sitzmöbel. „Es hat mich einfach gereizt, darauf hinzuweisen, dass das ein zivilisatorisch wichtiger Gegenstand ist“, so Wewerka. Hinweisen heißt in diesem Fall: etwas Altbekanntes so verändern, dass es plötzlich besonders wird. Wewerka entkoppelt die Form des Stuhls von seiner Funktion, dem Sitzen, und schafft so Arbeiten, die zwischen Kunst und Design oszillieren.

Grenzgänge dieser Art sind typisch für Wewerka. Eigentlich, erzählt Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung, hätte man schon vor zehn Jahren eine Ausstellung mit Arbeiten des Künstlers machen müssen – zur Eröffnung der Pinakothek der Moderne. Denn Wewerkas Lebenswerk umfasse alle Genres, die im Museum vertreten seien.

Das stimmt. Angefangen hat Wewerka als Architekt, er malt, zeichnet und fotografiert, er entwirft Bühnenbilder, Mode, Schmuck und natürlich Möbel – auf denen man manchmal sogar sitzen kann. Ungewöhnlich sind aber auch diese Stücke. Sein erster Stuhl überhaupt, der „B1“, ist mittlerweile ein Design-Klassiker: drei Beine, schwarz-weiß gestreifte Sitzfläche, geschwungene Lehne mit integrierter Schreibplatte. Auch hier spielt Wewerka mit den Formen und dem Umgang mit ihnen: Sogar rückwärts könne man auf diesem Stuhl sitzen, erzählt der Künstler. Doch im Gegensatz zu seinen Stuhlskulpturen folgt er bei Arbeiten wie diesen dem Credo des „form follows function“. Möglichst viele Funktionen in ein Möbel zu integrieren – diese Idee steckt auch hinter Wewerkas „Küchenbaum“ von 1984, der Waschbecken, Arbeitsfläche und Ablage in einem ist.

Die Ausstellung in der Neuen Sammlung konzentriert sich vor allem auf Wewerkas Möbelarbeiten, außerdem werden einige seiner Zeichnungen gezeigt. Doch gerade dieser eingeschränkte Blick, der eben nicht das gesamte Schaffen des Künstlers erfasst, macht die besondere Qualität der Schau aus. Denn sie zeigt sehr anschaulich, mit welcher Hartnäckigkeit und Spielfreude Wewerka sich an Kleinigkeiten wie einem Stuhl abarbeiten kann.

Katharina Mutz

Bis 3. Februar 2013;

Barer Str. 40, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr, Telefon: 089/23 80 53 60.

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