Seismograph einer Epoche

- Freigiebigkeit sei vor allem eitel und Schenken selbstsüchtig. Natürlich zitierte Bayerns Kunstminister Hans Zehetmair mäzenatenfeindliche Literaten nicht, um sich ihnen anzuschließen. Er bat vielmehr um Nachahmung der privaten Sponsoren. Bei der Deutschen Schillerstiftung, die in München in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste den Schiller-Ring an den Dichter Wulf Kirsten ("Die Prinzessinnen im Krautgarten", 2000) verlieh, rannte er damit offene Türen ein: Die 1859 in Dresden gegründete Stiftung ehrt nicht nur Autoren, sie kümmert sich auch um deren soziale Situation.

Seit 1971 führte die bis dahin gesamtdeutsche Einrichtung in der DDR nur noch ein Schattendasein. Dass sie 1990 ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte, ist den Auslegungskünsten des Münchner Juristen Hermann Nehlsen zu verdanken, der dafür die Würde eines Ehrensenators erhielt. Ein "Glanzstück deutscher Prosa" sei Nehlsens Gutachten zur Rettung der Schillerstiftung - so widersprach Wulf Kirsten dem großen Kollegen Schiller, der die Arbeit der Juristen verabscheut hatte. <BR><BR>Die literarische Laudatio gebührte ihm: Verleger Heinz Friedrich ehrte Kirsten als Epochen-Seismographen, der Katastrophen so naiv und darum unpathetisch erzählt, wie sie der Mensch erlebt. Der den "Dissonanzen zwischen dem Klang der großen Welt und den Torheiten der Menschen" Ausdruck verleiht. <BR><BR>Kirsten, 1934 im Kreis Meißen geboren, schätzt heute seine "mäandernde Schlangenbiografie" von der Kaufmannslehre über Bauarbeiter, Buchhalter und Lektor hin zum Autor. Sie habe ihm Distanz zu seiner Herkunft verschafft und seine "Selbstausforschung" gefördert. "Trete auf dein Elend, und du stehst höher", kommentierte er die Jahre des Leidens an der DDR-Politik.<BR>

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